Uri
Per Ski, Schiff oder Tunnel: Die Zufahrt nach Seelisberg hat eine bewegte Geschichte

Seit 150 Jahren hat Seelisberg eine Zufahrtsstrasse, welche erst vor 50 Jahren auch für grössere Fahrzeuge ausgebaut worden ist.

Christoph Näpflin
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Nach dem Bau der Strasse nach Treib verkehrte über Jahre eine Postkutsche nach Seelisberg. Sie löste die Sänftenträger ab.

Nach dem Bau der Strasse nach Treib verkehrte über Jahre eine Postkutsche nach Seelisberg. Sie löste die Sänftenträger ab.

Bild: PD

Während vieler Jahrzehnte war Seelisberg vor allem über den Seeweg erschlossen. Erste Wege innerhalb vom Dorf dienten vor allem dem Viehtrieb zu den Allmendparzellen. Etwas breiter, aber mühsam zu begehen, waren die alten Landstrassen von Treib über Seelisberg nach Emmetten und von Seelisberg nach Bauen. Diese Wege waren auch Teil vom alten Gotthardweg, der von Basel über Stans und Seelisberg nach Seedorf und weiter in den Süden führte.

Zuständig für den Unterhalt der Landstrasse waren die Anstösser, welche verpflichtet waren, diese frei und offen zu halten. Erst im 18. Jahrhundert übernahm zum Teil der Kanton Uri den Strassenunterhalt. Im Winter war ein Durchkommen wegen der grossen Schneemengen und der Lawinengefahr kaum oder nur auf Ski möglich, und das noch bis ins 20. Jahrhundert.

Emmetten möchten einen Anschluss zur Schiffsstation in Treib

Am 10. Oktober 1852 verlangte der Gemeinderat von Emmetten in Seelisberg, dass die auf Emmetter Seite bis zur Kantonsgrenze gebaute Strasse über Seelisberg nach Treib weitergeführt werden soll. Nach langem Hin und Her zwischen Nidwalden und Uri übernahm 1870 Hotelier Michael Truttmann vom Gasthaus Sonnenberg in Seelisberg die Aufgabe, die Strasse von der Kantonsgrenze über die Laui und oberhalb vom Seeli vorbei am Geissweg bis zu seinem Hotel zu bauen, was 1872 vollendet werden konnte. Dafür erhielt er als Entschädigung Holz zugesprochen sowie die Konzession für eine Wasserquelle, welche sein Hotel mit frischem Bergwasser versorgen konnte.

Bis vor 50 Jahren mussten alle Fahrzeuge durch den im Jahr 1934 erbauten engen Tunnel nach Seelisberg fahren.

Bis vor 50 Jahren mussten alle Fahrzeuge durch den im Jahr 1934 erbauten engen Tunnel nach Seelisberg fahren.

Bild: PD

Zehn Bauern mussten für den Strassenbau Land geben und wurden mit 4562 Franken entschädigt. Ein Bauunternehmen aus Sachseln übernahm den Bau der Strasse vom Hotel Sonnenberg vorbei an der Kirche über Schwanden und Volligen zur Schiffstation Treib, welche 1854 erstellt worden war. Die Gemeinde musste für diesen Bau sogar Anleihen von 41’000 Franken aufnehmen. Zudem wurden alle Einwohner zur Leistung von Fronarbeit verpflichtet. Die Strasse wurde in verschiedenen Etappen bis 1874 fertiggestellt, gar nicht zur Freude der einheimischen Sänftenträger, welche dadurch ihren Trägerlohn an die Kutschner verloren.

Ein zu kleiner Tunnel verhindert die Zufahrt nach Seelisberg

Im Sommer 1934 rutsche die Strasse oberhalb vom Seeli auf einer Länge von 25 Metern ab. Da eine Wiederherstellung zu teuer kam, entschied sich der Kanton Uri zum Bau eines Tunnels. Mit dem Bau wurde nach drei Tagen bereits begonnen. Um die Strasse möglichst schnell wieder in Betrieb nehmen zu können, wurde der Tunnel nach wenigen Metern mit einer engen Kurve wieder ins Freie geführt, statt wie geplant weiter zu bauen. Diese enge Stelle für die Einfahrt nach Seelisberg, aber auch die Tatsache, dass die Strasse durch Seelisberg lange nicht asphaltiert wurde und deshalb im Sommer bei jeder Durchfahrt von Autos viel Staub in die anliegenden Gastwirtschaften und Wohnungen wirbelte, gaben immer wieder Anlass zu Reklamationen und Begehrlichkeiten.

Aber auch Mautgebühren für die Strasse von Emmetten nach Seelisberg, welche im Jahr 1926 für Kleinwagen mit zwei Franken und für Motorlastwagen sogar mit fünf Franken vorgeschlagen wurden, sorgten für Verstimmungen bei den Strassenbenützern und beim Kanton Nidwalden. Dieser drohte kurzerhand eine Sperrung der Strasse Beckenried–Emmetten für Fahrzeuge nach Seelisberg an. Schliesslich konnten sich die beiden Kantone dann doch einigen. Vor einem Jahr verweigerte der Nidwaldner Landrat einen Kredit zur Anhebung der Strasse zwischen Emmetten und Seelisberg, die aufgrund von Überschwemmungen in den letzten Jahren immer wieder für einige Tage unterbrochen wurde und so die Zufahrt nach Seelisberg verunmöglichte.

Neubau der Strasse vor 50 Jahren von Emmetten nach Seelisberg

Im Jahr 1972, also erst vor 50 Jahren, wurde der kleine enge Tunnel an der Einfahrt nach Seelisberg durch eine aufwendige und neuartige Brückenkonstruktion umfahren im Rahmen des Ausbaus der Kantonsstrasse zwischen Emmetten und Seelisberg. Erst jetzt konnten auch Reisecars und das Postauto nach Seelisberg gelangen. Eine Weiterführung der Strasse nach Bauen, welche von Seelisberg lanciert worden war, wurde an einer kantonalen Abstimmung am 12. Juni 1977 abgelehnt. Erst mit der Eröffnung des Seelisberg-Tunnels am 12. Dezember 1980 erhielt Seelisberg einen fast direkten Zugang zum inneren Kantonsteil. Seit der Eröffnung des Urner Kantonsbahnhofs in Altdorf vor einigen Wochen hat nun Seelisberg auf diesem Weg eine regelmässige ÖV-Verbindung nach Uri. Dank der ganzjährigen Verbindung mit der Bergbahn und dem Schiff nach Brunnen bleibt aber auch die uralte Seevariante weiterhin bestehen.

Seit 50 Jahren führt die Strasse auf einer Brückenkonstruktion um den alten Tunnel herum und ermöglicht so eine Zufahrt für alle Fahrzeuge nach Seelisberg.

Seit 50 Jahren führt die Strasse auf einer Brückenkonstruktion um den alten Tunnel herum und ermöglicht so eine Zufahrt für alle Fahrzeuge nach Seelisberg.

Bild: Christoph Näpflin (17. Januar 2022)