Nid-/Obwalden
Bloss ein verrücktes Gedankenspiel oder mehr? Die Idee eines Gratis-ÖV scheidet die Geister

Gratis Bus und Zug fahren? In gewissen Städten im Ausland ist dies schon Realität. In Nid- und Obwalden gehen die Meinungen auseinander.

Matthias Piazza
Drucken
Postautos am Bahnhof Stans.

Postautos am Bahnhof Stans.

Bild: PD

Bahn und Zug fahren, ohne ein Billett oder Abonnement kaufen zu müssen: Das ist die Vision verschiedener Initiativen, die in der Schweiz auf kommunaler und kantonaler Ebene lanciert wurden. Sie fordern, dass der Staat die Kosten für den öffentlichen Verkehr vollumfänglich übernimmt – heute bezahlen die Fahrgäste schweizweit gesehen rund die Hälfte. Im Ausland wurde aus der Vision schon Realität. So sind in Luxemburg seit März 2020 Bus, Bahn und Tram kostenlos. Auch der Ortsbus in Hergiswil und Engelberg ist gratis.

«Ein Gratis-Bus in einer Gemeinde kann Sinn machen», meint der Nidwaldner Regierungsrat und Baudirektor Josef Niederberger. Einem flächendeckenden Gratis-ÖV gegenüber sei er aber eher zurückhaltend eingestellt.

Josef Niederberger.

Josef Niederberger.

Bild: PD
«An deren Finanzierung müssten sich alle beteiligen, auch jene, welche den öffentlichen Verkehr aus irgendwelchen Gründen nicht benutzen können. Das wäre nicht richtig und nicht fair.»

Wichtig sei ein attraktives ÖV-Angebot zu bezahlbaren Preisen.

«Grundsätzlich ist der ÖV umweltschonender als das Auto, verbraucht aber auch Energie. Es ist weiter schwierig abzuschätzen, ob Gratis-ÖV zu einer Verlagerung vom Auto auf den ÖV führen würde oder eher zu einem Umsteigen von Fuss- und vor allem Veloverkehr zum ÖV», schreibt der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) auf Anfrage. Zudem befürchtet er, dass damit der ÖV im Vergleich zu heute unterfinanziert und damit schlechter und unattraktiver würde und in der Folge auch weniger genutzt.

«Falls die Schweiz 2050 die CO2-Ziele erreichen und netto null ausweisen möchte, müssen wir den öffentlichen Verkehr stark ausbauen und der Bevölkerung Anreize setzen, diesen auch zu nutzen. Das könnte über den Preis gehen», findet Denise Weger, Co-Präsidentin der Grünliberalen Nidwalden. Zudem würde ein kostenloser oder verbilligter ÖV auch die Chancengleichheit stärken.

Denise Weger.

Denise Weger.

Bild: PD
«In der heutigen Zeit gehört die Mobilität zum grössten Kostentreiber der alltäglichen Ausgaben, was sich insbesondere bei Familien mit tieferen Einkommen zeigt.»

Für SP mehr als ein verrücktes Gedankenspiel

Für Daniel Niederberger, Medienverantwortlicher und Landrat der SP Nidwalden, ist die Idee mehr als ein verrücktes Gedankenspiel. «Länder, Städte und Gebiete, welche die Gratisnutzung des ÖV schon installiert haben, profitieren von guter Reputation. Die Massnahmen werden als hip und trendig beurteilt. Die nutzende Bevölkerung schätzt das Angebot.»

Daniel Niederberger.

Daniel Niederberger.

Bild: PD

Zudem: Wo weniger Autoverkehr, da mehr Lebensqualität, weniger Gestank, Lärm und Gefahr. Jedoch bräuchte es zusätzliche Gratis-Veloausleihstationen und ein umfassenderes Velonetz. Unter dem Strich sei er überzeugt, dass sich ein Gratis-ÖV auch finanziell für den Staat rechnen würde, wenn man die hohen Aufwendungen, nicht nur monetär, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und des gesundheitlichen Schadens, für den Autoverkehr in Betracht ziehe. Auch sei die Schweiz mit seinem dichten Bus- und Schienennetz ideal dafür.

Für Grüne ist ein attraktives und preiswertes ÖV-Angebot wichtig

Von einer verlockenden, aber nicht umsetzbaren Idee spricht Alexander Huser, Präsident der Grünen Nidwalden. Was aber nicht bedeute, dass der ÖV nicht weiter ausgebaut und verbessert werden könne. Doch würden auch nicht in erster Linie die Preise Leute davon abhalten, den ÖV mehr zu nutzen, sondern das Angebot. Sei es wegen ungenügender Frequenzen, unattraktiver Verbindungen oder lästiger Wartezeiten auf Anschlüsse.

Alexander Huser.

Alexander Huser.

Bild: PD
«Damit die Leute das Auto vermehrt zu Hause lassen, was ökologisch aber auch raumplanerisch wünschenswert wäre, ist ein attraktives und preiswertes ÖV-Angebot wichtig»,

hält er fest. Zudem sei im kantonalen Gesamtverkehrskonzept aufgezeigt worden, dass Nidwalden nebst dem ÖV grosses Potenzial beim Langsamverkehr habe.

Wahlen 2022. FDP Ennetmoos. Raphael Bodenmüller (neu). Bild: PD

Wahlen 2022. FDP Ennetmoos. Raphael Bodenmüller (neu). Bild: PD

Pd / Nidwaldner Zeitung

«Aus meiner Sicht stellt sich die Frage nicht, ob der ÖV kostenlos für den Bürger sein soll. Bedeutender ist, wer die Kosten des ÖV tragen soll», meint Raphael Bodenmüller, Präsident der FDP Nidwalden. «Kostenlos würde ja bedeuten, dass die Kosten von der Allgemeinheit getragen würden. Damit würden die Steuern steigen, also auch bei den tiefen Einkommen oder bei den Einkommen von Familien.» Er kann sich gut vorstellen, dass in Gebieten, wo der motorisierte Individualverkehr aus strategischen Gründen entweder untersagt ist (wie zum Beispiel in Zermatt) oder wo der Individualverkehr zu hohe Kosten verursache, die kostenlose Nutzung des ÖV durchaus einen Sinn ergebe.

«Kosten würde die Allgemeinheit tragen»

Zu einem kostenlosen Angebot ist die Mitte Nidwalden kritisch eingestellt.

Mario Röthlisberger.

Mario Röthlisberger.

Bild: PD
«Die Kosten würde die Allgemeinheit tragen, indem über höhere Steuern die notwendigen Einnahmen generiert würden»,

gibt Parteipräsident Mario Röthlisberger zu bedenken. «Für uns definiert sich ein attraktiver ÖV, der uns am Herzen liegt, nicht nur durch den Preis, sondern besonders auch durch ein dichtes Netz und einen guten Taktfahrplan. Optimale Anschlüsse sind ein wesentliches Attraktivitätskriterium, damit der ÖV gegenüber dem Auto konkurrenzfähig ist.»

Wahlen 2022. SVP Stansstad, Roland Blättler (bisher). Bild: PD

Wahlen 2022. SVP Stansstad, Roland Blättler (bisher). Bild: PD

Pd / Nidwaldner Zeitung

«In der Stadt oder stadtnahen Gebieten mag eine Einführung von kostenlosem ÖV, bezahlt durch die Stadt oder Gemeinde, durchaus mehrheitsfähig sein. Aber in ländlichen Gebieten, wo der ÖV nicht existiert, ist es eine Diskriminierung für diejenigen, die auf den motorisierten Individualverkehr angewiesen sind», findet SVP-Nidwalden-Präsident Roland Blättler.

Bahnhof Sarnen Nord.

Bahnhof Sarnen Nord.

Bild: Obwaldner Zeitung (Sarnen, 4. Dezember 2018)

Homeoffice oder Co-Working-Spaces als mögliche Lösung

«Punktuell macht Gratis-ÖV Sinn», meint dazu der Obwaldner Regierungsrat und Volkswirtschaftsdirektor Daniel Wyler und erwähnt als positives Beispiel den kostenlosen Ortsbus in seiner Wohngemeinde Engelberg. Gegenüber einem kantonsweiten Gratis-ÖV ist er jedoch kritisch eingestellt.

Daniel Wyler.

Daniel Wyler.

Bild: Urs Hanhart
«Dies wäre wohl kaum zu finanzieren und ungerecht gegenüber jenen, welche beispielsweise aufs Auto angewiesen sind. Und was ist mit den Zu- und Wegpendlern in Obwalden?»

Er sieht eine mögliche Lösung der Verkehrsprobleme auch in Form von Homeoffice oder Co-Working-Spaces.

Hanspeter Scheuber.

Hanspeter Scheuber.

Bild: PD

Reizvoll sei das Thema sicherlich, da gerade junge Berufstätige, Studierende und Lehrlinge einen grossen Teil des Lohns für den Transport verwenden müssen, meint Hanspeter Scheuber, Präsident der CSP Obwalden. «Wichtig ist, dass der Wechsel hin zum Individualverkehr nicht noch zusätzlich gefördert wird.»

«Gratis-ÖV ist für Obwalden nicht realistisch», sagt Roland Kurz, Co-Präsident der FDP Obwalden. «Was für uns mehr zählt, sind regelmässige und gute Anbindungen aller Gemeinden und auch der grösseren Aussenbezirke mit regelmässigen Taktfahrplänen.»

Roland Kurz.

Roland Kurz.

Bild: PD

Dort liegt gemäss Roland Kurz noch einiges im Argen. So seien heute beispielsweise Wilen, Oberwilen, Stalden, Bürglen und Grossteil nur lückenhaft erschlossen. Der nun durch den Kantonsrat zur Kenntnis genommene Kantonale Richtplan zum Gesamtverkehrskonzept zeige in die richtige Richtung.

SP schlägt ein günstiges GA für Unter-30-Jährige vor

«Ein Gratisangebot würde dem ÖV zu wenig Wertschätzung entgegenbringen und auch verfassungsrechtliche Fragen nach sich ziehen», gibt sich Benjamin Kurmann, Präsident der SP Obwalden, kritisch. Dennoch: Ein bezahlbarer öffentlicher Verkehr sei wichtig, insbesondere für Kinder und junge Erwachsene.

Benjamin Kurmann.

Benjamin Kurmann.

Bild: PD
«Ein GA für rund 1000 Franken im Jahr für Menschen unter 30 wäre sicherlich ein geeigneter Weg, die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs weiter zu steigern und die Mobilität für Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen zu stärken.»

Heute kostet ein GA 2. Klasse 3860 Franken. Gegebenenfalls sei ein kostenloses ÖV-Angebot für Kinder unter 12 oder sogar 16 Jahren eine Diskussion wert.

Die GLP Obwalden sieht die Lösung nicht im Gratis-ÖV. «Dieser stimuliert das Mobilitätsbedürfnis zusätzlich und trägt nur wenig zur Reduktion des motorisierten Individualverkehrs bei, was Beispiele von Städten mit Gratis-ÖV im Ausland zeigen», sagt dazu Vorstandsmitglied Tim Vogler.

«Qualitativ guter öffentlicher Verkehr soll und darf für den Nutzer etwas kosten.»

Die GLP setze sich für ein breites Massnahmenpaket ein, welches in erster Linie auf den Ausbau von Velo- und Fussgängerinfrastruktur setze. Weiter sollten Taktverdichtungen im öffentlichen Verkehr, das Fördern von modernen Mobilitätsformen, zum Beispiel Car- und Ridesharing sowie der Ausbau von Ladestationen für Elektromobilität forciert werden.

Bruno von Rotz.

Bruno von Rotz.

Bild: PD

Von einem «spannenden Thema» spricht Bruno von Rotz, Präsident der CVP/Mitte Obwalden. Für eine Beurteilung müssten allerdings erst Fragen nach den Auswirkungen, den Vereinbarungen mit dem Verkehrsverbund und der Finanzierung geklärt werden.