Kolumne
Von freiwilligen Reisen und (un)gewollten Annäherungen

«Ich meinti»-Kolumnistin Ruth Koch verbrachte den kürzlichen Feiertag im Val Onsernone im Tessin. Die Fahrt dahin war mindestens so interessant wie die Wanderung selbst.

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Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Bild: PD

Den Feiertagsansturm auf das Tessin hatten wir nicht bedacht. Wir bestiegen zwar vorausschauend das Postauto Richtung Onsernonetal frühzeitig, um uns einen Sitzplatz zu sichern. Erstens, weil der Platz im relativ kurzen Bus beschränkt war. Zweitens, weil die Fahrt rund eine Stunde dauern würde. Und wirklich: Schon zehn Minuten vor der fahrplanmässigen Abfahrt waren die Sitze voll. Weitere Feriensuchende mussten trotz Zusatzbus mit einem Stehplatz vorliebnehmen. Bepackt mit prallen, teils schweren Rucksäcken erinnerten die Reisenden daran, dass das Onsernonetal für Rollkoffertouristen gänzlich ungeeignet ist.

Als dann auch noch der Zug aus der Deutschschweiz im Bahnhof einfuhr, wurde das volle Ausmass des Andrangs sicht- und hörbar. Einer der Chauffeure kündigte bereits an, dass nicht alle mitfahren könnten, dass sie auf den nächsten Kurs in zwei Stunden warten müssten. Doch der zweite Chauffeur liess sich nicht aus der Ruhe bringen. Er bat seine Kundschaft, die Rucksäcke abzugeben. Diese stapelte er gekonnt auf wenig Fläche zu einem Turm. Die Leute wurden aufgefordert, noch enger zusammenzustehen. Sogar zwei Kinderwagen fanden ihren Platz. Ein halbjähriges Baby wurde weitergereicht, die junge Mutter kletterte hinterher über Rücksäcke und Beine auf einen Sitz, den jemand für sie freigab. Sie fand sich mit ihrem Kind direkt neben einer etwas älteren Frau mit Tier – präziser ausgedrückt mit Pudel auf dem Schoss.

Nun könnten Sie erwarten, dass die Reisenden mit Unmut reagierten. Aber das war nicht der Fall. Eher belustigt nahm man die Situation hin. Die Vorfreude auf einen oder mehrere Tage im abgelegenen Tal herrschte vor. Menschen kamen sich zwar unfreiwillig näher, hingegen freiwillig ins Gespräch. Im Normalfall hätten sie stumm dagesessen oder ins Handy geguckt. Nun tauschten sie sich über ihre Reiseziele und -erlebnisse aus. Bei jedem Halt organisierten sich die Leute hilfsbereit, damit die Aussteigenden den Weg übers Gepäck hinaus schafften und Einsteigende ein Plätzchen fanden. Einer älteren Dame wurde ein Sitzplatz angeboten, den sie jedoch leicht beleidigt ablehnte. Ganz nach dem Motto: So alt bin ich doch noch nicht!

Auch Pudel und Baby freundeten sich nach anfänglich skeptischen Seitenblicken an. Vom vorsichtigen beschnuppern (durch den Hund) und betasten (durch das Baby) gings zur Streicheleinheit im Fell (durch das Baby) und Lecken der zarten Haut (durch den Hund). Die einvernehmliche Annäherung nahm ein jähes Ende, als der kleine Bursche den Pudel – ohne dessen Einverständnis – kräftig am Ohr packte.

Für uns endete die unterhaltsame Fahrt im malerischen Loco. Auf der Wanderung talauswärts bewunderten wir die vor langer Zeit mit Steinblöcken ausgelegten Wege. Ich stellte mir vor, wie sich die Einwohner auf langen, einsamen Pfaden mit ihrer Handelsware, den Ziegen oder mit den in Heimarbeit geflochtenen Strohhüten auf den weiten Weg zum Markt machten. Wie privilegiert wir doch sind, dachte ich mir einmal mehr, dass wir hier und jetzt zu unserem Vergnügen reisen dürfen, ob im Gedränge des Postautos oder auf malerischen Wanderwegen.