Kolumne «Ich meinti»
Blut am Brennstoff

Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs findet in der Schweiz ein Umdenken statt: Man will wegkommen vom Brennstoff aus Russland. Ruth Koch erinnert sich, wie sie in ihrer Kindheit bei der Holzbeschaffung mithelfen musste.

Ruth Koch
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Sie mussten präzise platziert sein, die Holzscheiter. Das hatte zwei Gründe: Erstens hielt ein korrekt aufgebauter Holzstapel im Trocknungsprozess der Schwerkraft eher stand. Zweitens sollte es für das Auge stimmen. Diese hohen, auch aus ästhetischer Sicht ehrenwerten Ansprüche waren für mich als Kind nicht immer so wichtig wie für die verantwortlichen älteren Geschwistern oder die Eltern.

Kolumnistin Ruth Koch.

Kolumnistin Ruth Koch.

Bild: PD

Das Stapeln war erst der letzte Akt der Holzbeschaffung. Nachdem der grosse Bruder die Bäume oder Hecken mit der Motorsäge gefällt hatte, waren alle Hände, Arme und Beine gefragt, um das Holz zum landwirtschaftlichen Transportfahrzeug, unserem Schilter, zu bringen. Die Grossen und Starken widmeten sich den Stämmen sowie den dicken Ästen, wir Kinder der «Schmalware», also den kleineren, leichteren Ästen. Es erforderte von uns Ausdauer, immer wieder den steilen Hang hochzukraxeln, einen Armvoll Äste kraftvoll zu umfassen und das Bündel runter zu schleifen. Zu Hause musste das Holz zersägt, danach zum Teil gespalten werden, bevor es zum ordentlichen Lagern kam. So richtig Freude machte das Holz mit seiner Wärme dann, wenn wir im Winter nach dem Skifahren die kalten Füsse auf dem Ofenbänkli wärmen konnten. Oder wenn wir eine auf der Gabel aufgesteckte Brotscheibe an der Glut im Feuerherd knusprig braten durften. Auch den wärmenden «Chriesimaa» im kalten Bett wusste ich sehr zu schätzen.

Was auf dem Ofenbänkli romantisch endete, musste vorab schwer verdient sein. Viel lieber hätte ich mich nämlich beim Holzen aus dem Staub gemacht, um im Wald oder am Bach meinen Fantasien nachzugehen. Ganz ungefährlich war das Holzen auch nicht. Ich erinnere mich lebhaft an einen Zwischenfall. Die Kette zur Sicherung der Ladung traf meine jüngere Schwester, die etwas zu dicht am Fahrzeug stand, am Kopf. Die Platzwunde im Haarschopf war klein, trotzdem strömte unglaublich viel Blut.

Nun zu behaupten, dass Blut an unserem Brennstoff klebte, wäre doch etwas übertrieben. Dass aber an verschiedenen Energieträgern, die Herr und Frau Schweizer bequem (und anhin zu günstig) vom Ausland beziehen, Blut klebt, ist in den letzten Wochen sowohl der Politik wie auch vielen Konsumentinnen sowie Konsumenten bewusst geworden. Die Schweiz bezieht fast die Hälfte des Erdgases aus Russland, ebenso zirka ein Viertel des aus der EU importierten Benzins oder Diesels. Zudem stammt Uran für mehrere Schweizer Atomkraftwerke aus diesem Land. Umgekehrt fliesst Geld nach Russland. Putin finanziert damit seinen unfassbaren Krieg. Ein Umdenken findet statt – aber immer noch zu langsam. Ich meinti: Schon vor Jahrzehnten hätte die Schweiz auf einheimische, erneuerbare Energie umsteigen sollen. Zum Argument des Klimaschutzes gesellt sich jetzt die Abhängigkeit von Russlands Energieträgern.

Beim nochmaligen Wintereinbruch der letzten Woche war ich einmal mehr dankbar, dass wir in unserem Haus nicht von ausländischem Heizöl oder Gas abhängig sind. Ich freute mich mit gutem Gewissen über das Ofenbänkli, den wärmenden «Chriesimaa» und die Käserösti vom Holzherd.