Freilichtbühne
Theater Dallenwil zeigt auf dem Alpboden in Niederrickenbach den «Doppelmord auf der Gruobialp»

Das Theater Dallenwil nimmt die Geschichte des Wilderer-Doppelmords im Melchtal wieder auf. Eine neue, starke und ergreifende Inszenierung.

Romano Cuonz
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Da rennt einer auf die Freilichtbühne: abgemagert, barfuss, ruhelos. Mal windet er sich im Kies, mal klettert er auf die Palisaden und läutet die Kirchenglocke. Völlig verzweifelt ist sie: die arme Seele des ruchlosen Wilderers und Doppelmörders Adolf Scheuber aus Nidwalden. Aus dem Mund des Geistes kommen jammervolle Sätzen wie «Hätt ich’s numä nid gmacht!» und «Niämer gseed mi, niämer gheerd mi!». Der «Geist» übernimmt im Alleingang die Rolle des Chors im griechischen Drama. Er zeigt dem Publikum, ohne unnötig viele Worte, wie es auf das Theater zu reagieren hat. Eine starke Idee von Autor Klaus Odermatt und Regisseur Stefan Wieland. Der Laienspieler Hannes Büeler stellt diese Schlüsselfigur ebenso ergreifend wie gekonnt dar.

Der Obwaldner Regierungsrat Seiler hetzt den Wildhüter Werner Durrer auf. Das Gespenst von Adolf Scheiber hört mit.

Der Obwaldner Regierungsrat Seiler hetzt den Wildhüter Werner Durrer auf. Das Gespenst von Adolf Scheiber hört mit.

Bild: Romano Cuonz (Niederrickenbach, 18. Juni 2022)

Was Klaus Odermatt und Stefan Wieland mit der neuen Inszenierung vermitteln wollen, rezitieren die 21 Gestalten auf der Bühne am Anfang und am Ende des Stücks: «Miär wend nid richtä, miär wend verzellä. Miär wend zäige, 's Leid vo zwei Familinä. Ä Gschicht, ä Sag, und doch real.» An diese Vorgabe hält sich der Regisseur, indem er die Klinge mal messerscharf und mal mit grosser Behutsamkeit und viel Einfühlungsvermögen führt.

Spannender Krimi ohne Auflösung

Beim Zuschauen werden Erinnerung an einen der grössten Meister düsterer Mordgeschichten wach: an Alfred Hitchcock. Wie seine Geschichten zeichnet sich auch das neue Stück «Doppelmord auf der Gruobialp» durch eine explizit visuelle Erzählkunst und durch eine enge Verbindung von Spannung und Humor aus. Dorfknatsch und Liebesgeschichten plätschern vorerst so dahin. Zwischen den Zeilen allerdings öffnen sich immer wieder bedrohliche Klüfte. Das geht so, bis Wildhüter Werner Durrer und sein Sohn Sepp (glaubwürdig und urchig gespielt von Alex Friedrich und Matthias Christen) den Wilderer Adolf Scheuber (mit diabolischen Zügen, gemimt von Eggi Gabriel) auf frischer Tat ertappen. Sie führen den Nidwaldner in Obwalden vor und stellen ihn vor aller Leute Augen bloss. Spätestens ab jetzt baut sich der Spannungsbogen in rasantem Tempo auf. In der Dorfbeiz der Witwe Helen (Annemarie Wieland-Burch mit grosser Spielfreude) werden auch unsanfte Kommentare laut: «Iisi hemmer im Griff, aber diä huärä Nidwaldner!» Und der Geist des Doppelmörders erklärt: «Das hed i miär goorä, fyyf Jaar lang.»

Nun erfolgt ein Zeitsprung ins Jahr 1899. Der fies korrupte Obwaldner Regierungsrat Seiler (Beat Barmettler erregt gekonnt den Unmut des Publikums) will das neue Jagdgesetz des Bundes von 1876 endlich auch «i dä Länderä» rigoros durchsetzen. Er setzt Druck auf die Wildhüter auf. Der Kommentar von Werner Durrer: «Miär miänd fir diä da obä der Schaafseckel machä – chuim aaständig zaald und doch s Läbä risikiärä.» Wie recht er hat! Als er und sein Sohn am 14. Oktober 1899 zur Gruobialp aufsteigen, um für Recht und Ordnung zu sorgen, ruft ihnen der Geist von Adolf Scheuber nochmals verzweifelt zu: «Gend nid obsi, gend nid duruif!» Sie hören das Gespenst nicht und steigen, genau wie damals, zur Alp hoch – atemberaubende Spannung!

Wirtshausszene im Melchtal: Gesprächsstoff ist die Wilderei.

Wirtshausszene im Melchtal: Gesprächsstoff ist die Wilderei.

Bild: Romano Cuonz (Niederrickenbach, 18. Juni 2022)

Wie Wieland und das Ensemble die grauenhafte Tat im Spiel umsetzen, ist genial. Die Blicke des Publikums richten sich auf die wilde Gebirgslandschaft. Dann hört man sieben Schüsse. Dazu ertönt ansatzweise der dem Betruf nachempfundene «Schwendi-Kaltbad-Juiz» von Annemarie Wieland-Burch. Dabei läuft es einem kalt den Rücken runter. Später, als die in Plachen gehüllten Leichen der Wildhüter ins Dorf gebracht und direkt vor die Zuschauer gelegt werden, wird es auf dem Alpboden still. Nur, als Regierungsrat Seiler einen Kranz niederlegen will, werden nochmals empörte Rufe laut.

Der tragische Höhepunkt des Dramas, als die beiden ermordeten Wildhüter daliegen und der Geist ihres Mörders Adolf Scheuher mittrauert.

Der tragische Höhepunkt des Dramas, als die beiden ermordeten Wildhüter daliegen und der Geist ihres Mörders Adolf Scheuher mittrauert.

Bild: Romano Cuonz (Niederrickenbach, 18. Juni 2022)

Warum macht einer so was?

Die berühmte Krimifrage «Warum macht einer so was?» bleibt im Raum stehen. Man hat so nebenbei eine ganze Menge Informationen – mal zänkisch von Stammgästen, mal witzig von besorgten Nonnen – erhalten. Nach und nach entlarven sich die Hitzköpfe dieser Gegend, viele Facetten der damaligen Gesellschaft werden gezeichnet. Im Gegensatz zu Serienkrimis im Fernsehen bleibt aber die Schuldfrage ungeklärt. Die berühmteste Schweizer Wilderer-Geschichte wird auch mit diesem Theater nicht abgeschlossen. Was man als Zuschauerin, als Zuschauer dieses unglaublich aufwendigen Theaters – OK-Präsident René Odermatt beziffert die Kosten auf gegen eine halbe Million Franken – mitnimmt: Beide Familien haben nach dem Drama unendlich gelitten. Die des Mörders genauso wie die der beiden Opfer.

Hinweis: Das Freilichtspiel «Doppelmord auf der Gruobialp» auf dem Alpboden in Niederrickenbach ist bis zum 24. Juli zu sehen. Infos: www.freilichtspiel-nw.ch.