Bahnunfall in Andermatt: Personal war unvorsichtig

URI ⋅ Die Kollision einer MGB-Lokomotive mit fünf stehenden Personenwagen ist auf eine falsch gestellte Weiche zurückzuführen. Das Personal hat dabei geltende Abläufe nicht richtig ausgeführt.
Aktualisiert: 
12.10.2017, 20:00
12. Oktober 2017, 12:47

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Es war eines der grössten Rettungsaufgebote, welche das Urserntal wohl je gesehen hat: 4 Helikopter und 13 Ambulanzfahrzeuge waren am 11. September vor Ort, um insgesamt 35 Verletzte eines Zugunfalls zu versorgen. Glücklicherweise hatte sich beim Auffahrunfall einer Lok auf fünf stehende Personenwagen niemand schwerere Verletzungen zugezogen.

Nun ist klar: Der Unfall ist darauf zurückzuführen, dass die verantwortlichen Personen geltende Sicherheitsvorgaben nicht eingehalten haben. So geht es aus dem summarischen Bericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) hervor. Darin heisst es allerdings auch: «Die Sust kann kein systematisches Sicherheitsdefizit erkennen und verzichtet deshalb auf weitere Untersuchungshandlungen.»

Geschwindigkeit wurde eingehalten

Jetzt steht auch der Unfallhergang fest: Am 11. September fuhr der Reisezug der Matterhorn-Gotthard-Bahn von Disentis her um 11.32 Uhr mit zwölf Minuten Verspätung in Andermatt auf Gleis 2 ein. Derselbe Zug sollte etwas später wieder zurück nach Disentis fahren. Dafür hätte die Lokomotive über das leere Gleis 1 vom hinteren Ende zur Spitze des Zuges geführt werden sollen. Allerdings wurde es unterlassen, die entsprechende Weiche auf Gleis 1 umzustellen, sodass die Lokomotive vom Wendepunkt nochmals auf Gleis 2 fuhr und mit 17 km/h gegen die Zugkomposition prallte. 25 bis 30 Meter vor den Wagen hatte der Lokomotivführer die Situation erkannt und bei einer Geschwindigkeit von 22 km/h eine Vollbremsung eingeleitet. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h wurde somit eingehalten. Unter den Zuggästen befanden sich auch mehrere Schulklassen.

Zum Unfall kam es aufgrund von zwei Begebenheiten, die vom vorgeschriebenen Prozedere abwichen. Jan Bärwalde, Mediensprecher der MGB, erklärt: «Bei einem solchen Rangiermanöver sind neben dem Lokführer zwei weitere Personen involviert: Der Fahrdienstleiter, der das Stellwerk vom Computer aus bedient, sowie der Rangierleiter, der die Rangierfahrt vor Ort überwacht.» Der Rangierleiter bestellt beim Fahrdienstleiter jeweils die Weichenumstellung.

Bestätigt, aber nicht getätigt

«Im vorliegenden Fall hat der Fahrdienstleiter die Umstellung der Weiche zwar per Funk bestätigt, aber augenscheinlich nicht getätigt», so Bärwalde. Die Aufgabe des Rangierleiters wäre es dann gewesen, die Weichenstellung visuell zu kontrollieren. Auch dies sei unterlassen worden, so der Mediensprecher.

Die Sust lässt in ihrem Bericht einen Erklärungsansatz für diese Versäumnisse durchschimmern: Aufgrund der Verspätung des Zuges war der Fahrdienstleiter beim Eintreffen des Zuges damit beschäftigt, eine Umstellung im Kundeninformationssystem zu bewerkstelligen. Dies habe nicht auf Anhieb funktioniert, sodass er länger als sonst damit beschäftig gewesen sei. Auch ein Telefongespräch mit der Betriebszentrale Brig fand rund um den Unfallzeitpunkt statt.

Der Fahrdienstleiter hat zudem eine Weichenumstellung gleich beim Eintreffen des Zuges getätigt, allerdings auf der anderen Seite der Komposition, die erst später wirksam geworden wäre.

Auch dem Rangierleiter wird zwischen den Zeilen eine gute Absicht attestiert: Weil er Personen, die sich neben dem leerstehenden Gleis 1 aufhielten, vor der nahenden Lokomotive warnen wollte, habe er sich von der Weiche abgewandt und sei Richtung Bahnhofsgebäude geschritten.

Disziplinarische Massnahmen ergriffen

«Wir sind froh, dass keine systematischen Fehler vorliegen», sagt Bärwalde. Die Prozesse und die Technik würden stimmen. Aufgrund des Ereignisses habe man eine interne Kampagne gestartet, um dem Personal die korrekten Abläufe in Erinnerung zu rufen. Mit den involvierten Personen habe man das Gespräch gesucht. «Es wurden auch disziplinarische Massnahmen ergriffen», so Bärwalde, ohne über Details zu sprechen.

Die Schuldfrage ist nun Sache der Urner Staatsanwaltschaft. Auf Nachfrage heisst es dort, man warte derzeit auf den Sust-Bericht sowie den entsprechenden Polizeirapport.


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