Einsiedler Zen-Mönch über seine Ausbildung in Japan: «Es gibt auch Stockhiebe»

BUDDHISMUS ⋅ Der in Einsiedeln lebende Marcel «Masan Doam» Reding (39) wurde in Japan zum Zen-Mönch ausgebildet. Die zehn Jahre im Fernen Osten waren eine entbehrungsreiche Zeit – mit zahlreichen schönen Erlebnissen.
09. April 2017, 18:36

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch

Marcel Reding, nach der Lehre als Chemielaborant, nach Matura sowie Mathematik- und Philosophiestudium sind Sie nach Japan gereist, um sich als Zen-Mönch ausbilden zu lassen. Können Sie mir den Zen-Buddhismus kurz und knapp erklären?

Das Spezielle am Zen-Buddhismus ist, dass er ohne Doktrin stattfindet und konfessionsfrei ist. Der Zen-Buddhismus untersucht von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz das Leben und das Sterben. In Asien hört man auf das, was Buddha gesagt hat, hier hört man auf das, was Jesus gesagt hat. Im Zen hört man auf das, was die Heiligen und Weisen der ganzen Welt gesagt haben.

Sie sind mit 26 Jahren nach Japan gereist und nach zehn Jahren im Fernen Osten vor drei Jahren wieder zurückgekehrt. Aber es war wohl nicht immer eine einfache Zeit?

Ich wurde in einem kleinen, sehr asketischen Kloster zwischen Osaka und Kyoto zum Mönch ausgebildet. Physisch und psychisch ist diese Ausbildung eine Herausforderung. Es gibt keine Privatsphäre. Es gibt eigentlich auch keine Zeit zum Lernen. Das Wissen und auch die japanische Sprache eignest du dir an während der drei Stunden Schlaf, die dir täglich zur Verfügung stehen. Im Dunkeln, mit Taschenlampe oder Feuerzeug. Du kannst auch niemanden fragen, im Kloster funktioniert alles sehr hierarchisch. Und es wird einem ein einziger Fehler zugestanden. Ab dem zweiten wird man bestraft.

Was ist ein Fehler? Und wie sieht die Strafe aus?

Ein Fehler ist, wenn deine Handlung einem anderen Mönch einen Mehraufwand verursacht. Es kann sein, dass es für einen Novizen von einem Tag auf den andern heisst: Ab heute kochst du für alle 20 Mönche. Und wenn du dann den Reis anbrennen lässt, musst du die Suppe sozusagen allein auslöffeln, indem du den angebrannten Reis selber essen musst. Aber es gibt auch Stockhiebe.

Nach der Novizenzeit sind Sie als Mönch durch ganz Japan gereist.

Durch Japan, aber auch durch Südkorea, weil mein Lehrmeister viel in Südkorea unterwegs ist.

Was bedeutet Ihr Name Masan Doam eigentlich?

Masan ist mein japanischer Mönchsname, Doam mein koreanischer Mönchsname. Hier in der Schweiz bin ich einfach Zen-Mönch Marcel Reding.

Das schönste Erlebnis auf Ihrer Reise durch Japan?

Unvergesslich bleibt mir, wie ich als Mönch auf dem Almosengang eine Fähre verpasste und auf der Insel Kyushu 24 Stunden lang festsass. Da sitze ich nun also und warte und warte und rauche eine Zigarette. Da nähert sich mir ein greiser Japaner und fragt mich, ob er sich zu mir hinsetzen dürfe. Dann erzählt er mir – ich sprach unterdessen sehr gut Japanisch –, wie er im Weltkrieg als Kind aufgewachsen war und ihm indoktriniert worden sei, dass die Menschen aus dem Westen schlimm und böse seien, und wie er immer Angst vor diesen «weissen» Menschen hatte. Doch jetzt, da er mich als pilgernden Mönch getroffen habe und den Mut habe, mit mir zu reden, wisse er: Alle Menschen sind gleich. Jetzt könne er friedlich sterben.

Jetzt muss ich doch noch rasch auf die Zigarette vor der Über­fahrt zurückkommen. Sie dürfen als Mönch rauchen?

Was Essen und Trinken betrifft, gibt es im Zen keine Regeln. Auch Rauchen ist erlaubt. Im Zen gibt es keine Doktrin, es gilt die Eigenverantwortung von Herz zu Herz. Für den pilgernden Zen-Mönch gilt die Regel, dass er jede Spende annehmen muss. Eine Spende abzuweisen, gilt als etwas vom Schlimmsten. Wenn man als Mönch durch Japan pilgert, werden einem von Bauern oft Zigaretten, Sake oder Bier angeboten.

Darf ein Zen-Mönch mit Frauen zusammen sein?

Der Zölibat gilt nur solange, wie der angehende Mönch im Kloster in der Ausbildung ist. Wenn die Ausbildung abgeschlossen ist, kann er, wenn er will, eine Familie gründen.

Ihre schlimmste Erinnerung an die Zeit in Japan?

Während meiner Wanderjahre auf dem Almosengang habe ich manchmal tagelang nichts bekommen, gehungert und im Wald übernachtet.

Nun haben Sie in Einsiedeln Ihren eigenen Zen-Tempel. Was bieten Sie Ihren Besuchern an?

Hochzeiten, Beerdigungen, Meditation, Übernachtungen für Pilger, die auf dem Jakobsweg sind.

Mit Hochzeiten meinen Sie japanische Paare, welche ihrem Zen-Glauben nach verheiratet werden möchten?

Nicht nur Japaner. Es gibt auch Menschen in unserem Kulturkreis, die eine Zeremonie und ­einen Mönch wünschen, die nichts mit unserer Kirche zu tun haben.

Auf einer Japan-Reise durfte ich in einem Zen-Kloster in Kyoto auch mal mit einem Mönch 30 Minuten lang meditieren. Leider haben mir meine lädierten Knie beim Sitzen derart wehgetan, dass ich eine halbe Stunde lang nur an meine Schmerzen dachte. Da ich die Meditation nicht stören wollte, habe ich mich natürlich nicht getraut, etwas zu sagen.

Asien hat nun mal eine Sitzkultur, aber Sie hätten sich beim Meditieren ruhig bewegen dürfen. Zen ist neutral. Die Zen-Mönche sind konfessionsfrei und erzählen, was sie wissen.

Werden Sie wieder nach Japan reisen?

Irgendeinmal möchte ich meine Mönchsbrüder besuchen. Doch zuerst gibt es für mich hier viel zu tun. Meine Frau Bettina und ich sind eben erst Eltern von einem Buben mit Namen Urban geworden. Und noch etwas: Ich bin seit 15 Jahren nicht mehr Ski gefahren. Eben erst habe ich ein Paar Ski gemietet und bin ins Brunni Ski fahren gegangen.

Hinweis

Mehr zum Zen-Haus von Marcel Reding hier>>.


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