Zeitreise in eine besondere Einsiedelei

BECKENRIED ⋅ Dass die wohl berühmteste Nidwaldner Schriftstellerin Isabelle Kaiser nach all den Jahren nochmals in die «Ermitage» zurückkehren würde, hätte niemand gedacht. Eben dies aber macht die Sängerin Caroline Vitale möglich.
12. September 2017, 05:00

Romano Cuonz

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

So viel vorweg: Die Schriftstellerin Isabelle Kaiser wurde 1866 in Beckenried geboren, und dort starb sie auch – 1925 im Alter von 59 Jahren. Weil Künstler indessen – mindestens mit ihren Werken – unsterblich bleiben, gelingt es fünf heutigen Kunstschaffenden, die in jeder Hinsicht besondere Frau nochmals zum Leben zu erwecken. Dass dies im fast unangetastet gebliebenen Salon ihres Anwesens «Ermitage» am See geschieht, verleiht dem Anlass zusätzliche Authentizität.

Die Idee zu einer eindrücklichen musikalisch-literarischen Soiree kommt von der einheimischen Sängerin Caroline Vitale. Sie hat im Nachlass Lieder vor allem zu Kaisers Gedichten wiederentdeckt und einstudiert. Ihr sehr einfühlsamer Begleiter an Isabelle Kaisers damaligem Klavier ist Pianist Peter Baur.

Viel Lob für romantische Poetin

Der bekannte Regisseur Ueli Blum sorgt mit sorgfältig ausgewählten Texten dafür, dass man sich tatsächlich in die Zeit der Dichterin zurückversetzt fühlt. Dies auch dank den beiden Schauspielerinnen Maja Schelldorfer und Franziska Senn, die der Dichterin ihre Stimmen leihen. Dies tun sie mit Ausschnitten aus Isabelle Kaisers Tage­büchern und Werken und immer auch wieder mit Zitaten von einigen ihrer berühmten Zeitgenossen. Die Aufführung «A mes chants» in der «Ermitage» (Isabelle Kaisers späte Einsiedelei) lässt selbst Kenner eine neue, faszinierende Seite im Leben der Beckenrieder Dichterin entdecken: Wer wusste schon, dass gleich mehrere Komponisten – etwa Marthe Pécaud, Rudolf Moser, Hans Jelmoli, Gabriel Fauré oder Benjamin Stoll – Gedichte von ihr vertont hatten? Vor allem ihre zarte, von Romantik und Naturalismus geprägte Poesie in französischer Sprache ist von grosser Kraft und Dichte. Wenn Caroline Vitale die lyrischen Texte mit schöner, tragender Mezzosopran-Stimme im Salon der Dichterin – zwischen Büchern, alten Instrumenten, Gemälden und Büsten – vorträgt, ist man als Zuhörer in einer andern Zeit und Welt. Immer wieder staunen lassen einen auch Ausschnitte aus Kaisers Werk: Das geht von französisch geschriebenen «poèmes» über Romane wie «Cœur de Femme» oder «Die Friedenssucherin» bis hin zu nidwaldnerdeutsch gefärbten Kurzgeschichten, etwa dem «Lanzig Bub». Bass erstaunt ist man, wenn man dann noch hört, wie Carl Spit­teler (der einzige Schweizer Li­teratur-Nobelpreisträger) vom «Reichtum ihrer Talente, der ihr ermöglicht, alles, was sie angreift, spielend zu können», und von «ihrem grossen, guten Herz, das ihr in allen Weltgegenden Freunde gewinnt und ihre Feinde entwaffnet» schwärmt. Ja, das Publikum vernimmt an diesem Abend die Stimme einer unwahrscheinlich starken Frau.

Nachdem Kaiser ihre Jugend in Genf verbracht und nur Französisch gesprochen hatte, kehrte sie nach Zug und Beckenried zurück. Hier eignete sie sich bald auch die deutsche Sprache – und gegen Ende ihres Lebens sogar den Nidwaldner Dialekt – in perfekter, dichterisch hochstehender Zwei- ja sogar Dreisprachigkeit an. Ein Quintett von Künstlern bringt all dies wieder näher, lässt mehr als verdienstvoll eine Schriftstellerin aufleben, deren Werke – auch wenn sie heute etwas fremd anmuten mögen – wertvolle Zeugnisse sind für eine Zeit, in der sich Frauen nur schwer einen Platz in der Öffentlichkeit erobern konnten.

Hinweis

Wegen der grossen Nachfrage wurden zwei Zusatzvorstellungen eingeplant: Donnerstag und Freitag, 2. und 3. November, 20 Uhr, «Ermitage» Beckenried. Vorverkauf: Tourismusbüro Beckenried und Kulturverein «Ermitage».


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