Fall Malters: Luzerner Polizeichefs weisen Schuld zurück

BEZIRKSGERICHT ⋅ Am Montag lief die Gerichtsverhandlung gegen Adi Achermann und Daniel Bussmann. Die Anklage verlangt eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung, die Verteidigung einen Freispruch. Das Urteil soll am Dienstag, 27. Juni, öffentlich verkündet werden.
Aktualisiert: 
19.06.2017, 17:00
19. Juni 2017, 08:05

Lena Berger

lena.berger@zentralschweizamsonntag.ch

Den beiden Kadermitgliedern der Luzerner Polizei, Adi Achermann und Daniel Bussmann, wird vorgeworfen, durch einen Polizeieinsatz in Malters den Suizid einer Frau verursacht zu haben. Die 65-Jährige hatte den Polizisten im März 2016 den Zutritt zur Hanfanlage ihres Sohnes verweigert. Sie nahm sich das Leben, als die Polizei die Wohnung stürmte.

Der Verteidiger des damaligen Einsatzleiters Daniel Bussmann betonte, sein Mandant habe alle Alternativen zu einer Intervention geprüft, bevor er den Zugriff befohlen habe. Er habe keine andere Wahl gehabt, als gewaltsam in die Wohnung einzudringen. Mit allen Mitteln habe Bussmann versucht, eine Vertrauensperson der Frau zu finden. Den Sohn beizuziehen hielt er ursprünglich für eine gute Idee. Es habe sich aber herausgestellt, dass dies keine Option war.

Verteidigung fordert Freispruch

Achermanns Anwalt machte in seinem Plädoyer deutlich, warum. Die Frau sei von ihrem Sohn vorgewarnt worden und gewappnet gewesen, den Polizisten den Zugang zur Wohnung zu verwehren. Der Sohn habe ihr die Waffe gegeben und in der Wohnung zudem eine grosse Menge Munition gelagert. «Der Sohn hat es auch zu verantworten, dass seine Mutter dort war. Er hatte sie dort vor der KESB versteckt. Da hätte es allen Grundsätzen widersprochen, ihn mit seiner schwer bewaffneten Mutter sprechen zu lassen», so Achermanns Verteidiger. Die Frau habe eine grosse kriminelle Energie an den Tag gelegt und sei sehr gefährlich gewesen.

Gemäss dem Verteidiger von Bussmann habe die Frau unmissverständlich erklärt, dass sie nie mehr in die Psychiatrie gehen würde. Gleichzeitig sei ihr klar gewesen, dass sie genau dort landen würde, sollte sie die Tür öffnen. «Aufgrund dieser Umstände war es nicht vorstellbar, dass sich die Frau je überwinden könnte, aufzugeben», so der Verteidiger.

Gescheitert sei der Einsatz nicht wegen einer Fehleinschätzung der Einsatzleitung, sondern weil die Türe beim Anbringen der hydraulischen Presse aufsprang, bevor die Bedingungen für einen erfolgreichen Einsatz erfüllt waren. «Es handelte sich um einen schlecht montierten Türrahmen, was im Vorhinein aber nicht erkennbar war», so Bussmanns Verteidiger. Beide Verteidiger fordern einen Freispruch für ihre Mandanten.

«Es hätten Kinder getroffen werden können»

Der damalige Einsatzleiter Bussmann sagte am Morgen in der Verhandlung aus, die Waffe der Frau hätte eine Reichweite von 2000 Metern gehabt. So weit hätte man das Gebiet nicht räumen können. «Es hätte auf weite Distanz jemand getroffen werden können, wenn sie in die Luft geschossen hätte – beispielsweise Kinder auf dem Schulweg», so Bussmann. Der Polizeipsychologe habe die Frau – die an paranoider Schizophrenie litt – als brandgefährlich und unberechenbar eingeschätzt. 

 «Ich musste nach rund 17 Stunden Einsatz davon ausgehen, dass die Verhandlungen scheitern würden», so Bussmann. Der Plan B, die Frau mit einem Feuerwerk abzulenken und mit einem Hund zu überwältigen, habe ihn überzeugt. Auch langjährige Spezialisten seien davon überzeugt gewesen, dass diese Variante durchführbar sei. Man habe die Frau lange beobachtet. «Wir wussten, dass sie sich immer wieder am gleichen Ort aufhielt – nämlich zwei Meter von der Türe entfernt und unbewaffnet. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte sie keine Chance gehabt, an die Waffe zu kommen. Sie wäre vorher überwältigt worden.» Der Plan ging jedoch schief, weil die Türe wie erwähnt bereits in der Vorbereitungsphase aufging. So blieb der Frau genug Zeit, sich ins Badezimmer zurück zu ziehen. Dort fielen die tödlichen Schüsse.

Polizeikommandant Adi Achermann gab am Morgen zu Protokoll, dass er in den Entscheidungsprozess nicht involviert war, sondern erst informiert wurde, als eine Intervention beschlossen wurde. «Ich wusste, dass hier eine Gefahr vorlag und es gemäss Polizeigesetz unsere Aufgabe ist, diese abzuwenden. Man sagte mir, die Verhandlungen befänden sich in einer Endlosschleife, deshalb habe ich den Interventionsentscheid unterstützt.»

Geldstrafe und Busse gefordert 

Die 65-Jährige hatte im Vorfeld eine Hausdurchsuchung verhindert. Diese hatte die Zürcher Kantonspolizei angeordnet, weil sie im Gebäude eine Hanfindooranlage vermutete und den Sohn der Frau deswegen festgenommen hatte. Mehrfach hatte die Frau im Laufe des 19-stündigen Einsatzes gedroht, sich im Falle einer Stürmung umzubringen oder auf die Polizisten zu schiessen. 

Staatsanwalt Christoph Rüedi wirft den beiden Beschuldigten vor, dieser Ausgang sei absehbar gewesen. Der Selbstmord sei eine direkte Folge des polizeilichen Einschreitens gewesen (Ausgabe vom 18. Juni »). Daniel Bussmann als Einsatzleiter sei dafür verantwortlich. Adi Achermann habe freiwillig die Verantwortung übernommen, obwohl er weniger gut informiert gewesen sei. Darum sei auch er wegen fahrlässiger Tötung schuldig zu sprechen. Rüedi fordert eine Busse von 1000 Franken sowie bedingte Geldstrafen für beide Beschuldigten. Das Urteil ist auf den 27. Juni angekündigt.

 

 
  • KEYSTONE

Am Montag, 19. Juni, steht der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann vor Gericht. Er muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Wir haben eine Übersicht zusammengestellt, die zeigt, welche Polizeikommandanten schon das gleiche Los hatten, das nun Adi Achermann drohte.

Video: Fall Malters: Luzerner Polizeikader verlassen am Mittag das Gericht

Am Montag müssen sich der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann und der Kripo-Chef Daniel Bussmann vor Gericht verantworten. Hintergrund ist die umstrittene Stürmung eines Wohnhauses in Malters im März 2016, bei der sich die Bewohnerin das Leben nahm. Vor Gericht geht es geht um die Frage: War die Stürmung rechtens? (Stefan Lanz/sda, 19.06.2017)

Video: Fall Malters: "Der Zugriff erfolgte viel zu früh"

Der Zugriff erfolgte viel zu früh,“ sagt der Anwalt des Sohnes jener Frau, die sich bei der Stürmung eines Hauses in Malters 2016 das Leben nahm. Der Anwalt fordert einen Schuldspruch für den Chef der Luzerner Kriminalpolizei sowie den Kommandanten der Kantonspolizei. Diese wiederum fordern einen Freispruch. Die Polizeikader und ihre Anwälte wollten gegenüber sda-Video keine Stellung nehmen. (Stefan Lanz/SDA, 19.06.2017)



Anzeige: