Bundesrat überrumpelt die Region: Mehr Kampfjet-Lärm

EMMEN ⋅ Noch bevor das Verteidigungsdepartement offiziell über die Mehrbelastung des Flugplatzes Emmen informiert, gibt Bundesrat Guy Parmelin (SVP) erste Zahlen bekannt: Emmen muss 3000 zusätzliche Flüge übernehmen.
Aktualisiert: 
17.02.2017, 11:00
16. Februar 2017, 19:09

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Als «Milchbüechli-Rechnung» bezeichnete Renato Kalbermatten, Sprecher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), die Prognose des Schutzverbands der Bevölkerung um den Flugplatz Emmen (SFE). Reine Spekulation sei die Annahme des Verbands, dass sich nach der Schliessung des Flugplatzes Sion die Zahl der Jetbewegungen von jetzt rund 3500 auf 6000 bis 7000 verdoppeln wird (Ausgabe vom 29. November 2016).

Kalbermatten legte nach: «Für den Flugplatz Emmen ändert sich mit dem neuen Sachplan praktisch nichts.» Der Sachplan soll aufzeigen, wie die wegfallenden Flugbewegungen aus Sion auf die bestehenden Plätze Payerne, Meiringen und Emmen verteilt werden. Eine erste Vernehmlassung ging Ende Januar zu Ende.

Schutzverband sieht mehr Jet-Flüge voraus

Nun bestätigt der Bundesrat in der Antwort auf eine Interpellation von SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo (Rothenburg) die Zahlen des SFE zum Teil: Es werden je rund 1500 Flugbewegungen mit F5-Kampfjets (Tiger) und PC-21-Propellerflugzeugen nach Emmen verlagert. Also total 3000 Bewegungen zusätzlich. «Unsere Region wird hinters Licht geführt», regt sich SFE-Präsident Luzius Hafen auf. Eine Differenz gibt es noch bei der Zahl der Kampfjets. Von diesen sprach der Verband ausschliesslich, der Bundesrat nicht. «Aber das wird kommen», sagt Hafen.

Der Bund habe mit der generellen Zahl an Flugbewegungen erst eine Stufe gezündet. In einem zweiten Schritt würden dann die leiseren Tiger-Jets durch die lauten F/A-18 ersetzt – mit der Begründung, dass dies nicht mit einer Erhöhung der Flugbewegungen einhergehe. «Es ist wie mit dem Frosch, der in langsam heisser werdendes Wasser gegeben wird, zu spät merkt, was ihm blüht, und nicht mehr aus dem Topf hüpfen kann.»

Hafen kritisiert die Kommunikation des VBS auch in anderer Hinsicht. So gibt es laut Bundesrat 2018 eine Anhörung und Mitwirkung der «Objektblätter sämtlicher Militärflugplätze», also der jeweiligen Flugbewegungen. Gleichzeitig wird betont, dass sich «an der Verteilung der Kampfjetbewegungen voraussichtlich nichts Grundlegendes» ändern wird. Die Meinung ist laut Hafen demnach längst gemacht.

Er fragt sich auch, warum die Luftwaffe schon vor einigen Tagen für heute Freitag auf dem Flugplatz Emmen eine Medienkonferenz anberaumt hat – und der Bundesrat gestern die Zahlen bekannt gab. Hafen pocht nun darauf, dass der Emmer Gemeinderat und der Luzerner Regierungsrat sich noch stärker gegen die Pläne des Bundes wehren.

VBS: Informiert wird offiziell erst heute

VBS-Sprecher Kalbermatten räumt gegenüber unserer Zeitung ein: «Die Kommunikation war sicher nicht optimal.» Es sei schwierig gewesen, die Stellungnahme des Bundesrates, welche an der Sitzung vom Mittwoch beschlossen worden sei, zu antizipieren. «Die Information an die Behörden erfolgt am Donnerstagabend und an die Medien am Freitagmorgen», sagte Kalbermatten gestern. Der Chef Einsatz Luftwaffe, Divisionär Bernhard Müller, informiert sowohl die Behörden wie auch die Medien auf dem Flugplatz Emmen aus erster Hand detailliert über die Bewegungen von Jets, Propellerflugzeugen, Helikoptern und über mögliche Luftpolizeieinsätze ab Emmen.

Darum will Kalbermatten zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher auf die Details eingehen. Er sagt aber: «Die Grenze von 5000 reinen Jetbewegungen wurde in Emmen noch nie erreicht. Es wird noch dauern, bis es so weit ist – wenn überhaupt.» Dies sei so stets kommuniziert worden. Das VBS betont also den Unterschied zwischen Flugbewegungen allgemein und Jetflügen.

Winiker nimmt Zahlen «zur Kenntnis»

Der zuständige Luzerner Regierungsrat, Sicherheitsdirektor Paul Winiker (SVP), sagte gestern auf Anfrage: «Wir nehmen zur Kenntnis, dass das VBS in einer Vorstossbeantwortung einzelne Zahlen zu den Flugbewegungen in Emmen nennt. Es ist geplant, dass wir – Kanton und betroffene Gemeinden – demnächst von der Luftwaffe umfassend informiert werden. Anschliessend werden wir die Informationen analysieren und danach Stellung nehmen.»

Was die bereits gestellte Forderung nach mehr Arbeitsplätzen bei mehr Flugbewegungen betrifft, verweist Winiker auf umfassende Fakten, die noch nicht vorliegen. Entsprechend fordert er: «Wir erwarten umfassende Informationen zur künftigen Nutzung des Flugplatzes Emmen.»

Aus Winikers Votum ist ein gewisser Unmut zu spüren. Dasselbe gilt beim Emmer Gemeindepräsidenten Rolf Born (FDP). Dieser wollte sich gestern nicht zur neusten Entwicklung äussern. Er verwies auf bereits gemachte Forderungen, wonach zum Beispiel keine höhere Lärmbelastung erwartet wird. Auch eine minimale Pistensperre von vier Wochen im Sommer, teilweise während der Sommerschulferien, und zusätzlich mindestens zwei Wochen reduzierter Flugbetrieb sollen aufrechterhalten werden.


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