Der Chef mobbt am häufigsten

ARBEITSPLATZ ⋅ Nicht gelöste Konflikte am Arbeitsplatz können sich zu Mobbing ausweiten. Das hat nicht nur für die Opfer erhebliche Folgen. Auch Unternehmen müssen Nachteile in Kauf nehmen.
14. Februar 2017, 06:46

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Wird jemand im Büro über längere Zeit ignoriert oder bedroht oder werden gezielt Gerüchte über die Person gestreut, spricht man von Mobbing. Das Bundesamt für Statistik erfragte zuletzt 2012 die Häufigkeit solcher Fälle. 6,8 Prozent gaben an, Einschüchterung, Belästigung oder Mobbing im Job erlebt zu haben (siehe Grafik). «Das Ergebnis ist aber mit Vorsicht zu verwenden», sagt Fabian Maienfisch vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Wissenschaftliche Studien hätten gezeigt, dass allgemein gehaltene Fragen zum Thema lediglich begrenzte Aussagekraft besitzen. Es gebe Unterschiede im allgemeinen Sprachverständnis, was mit Mobbing konkret gemeint sei.

Das Problem habe sich zunehmend in den digitalen Raum hineinverlagert, berichtet Corinne Kälin von der Mobbingberatung Zentralschweiz: «Zunehmend werden elektronische Medien benutzt. Es ist nur ein Klick nötig, um in sozialen Netzwerken oder per E-Mail etwas Diskriminierendes oder Beleidigendes zu streuen.» Bei der Beraterin melden sich Betroffene mal ein- bis zweimal pro Woche, mal mehrmals täglich. In einem Unternehmen mit 1500 Mitarbeitenden kamen in den letzten Jahren etwa fünf gemeldete Fälle pro Jahr vor. Die Zahl ist aber nicht repräsentativ. Kälin geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Personen, die sich aus Angst oder Scham nicht melden, weil sie zu wenig finanzielle Ressourcen haben oder wegen der ständigen Attacken krank geworden sind.

Vorbildliche Luzerner Firma

Für den Tatbestand Mobbing braucht es die gezielte Absicht einer Person oder Gruppe, jemandem zu schaden, und zwar über einen Zeitraum von mehreren Monaten und mindestens einmal pro Woche. Gemobbt wird am ehesten, «wenn das Damoklesschwert Arbeitsplatzabbau über einer Firma schwebt», so Kälin. Dann bilden sich öfter Seilschaften, die ihre Pfründe verteidigen – meist zu Lasten derjenigen, die noch nicht so lange zur Unternehmung gehören oder sonst nicht genehm sind. Kälin beobachtet, dass die Mobbingraten bei erhöhter Arbeitsbelastung zunehmen. Da in den meisten Branchen Kostendruck herrsche und mehr Arbeit auf weniger Mitarbeiter verteilt werde, komme es unweigerlich zu mehr Konkurrenzkampf und Missgunst. Intransparenz bei Beförderungen sind genauso ein Problem, denn sie schüren Misstrauen und Neid. Zudem kommt es durch unklare Aufgabenverteilungen zu Konflikten. Auch in der Persönlichkeit des Opfers fänden sich Gründe für Mobbing, betont Kälin. Oft erwischt es Personen mit mangelndem Selbstwertgefühl oder solche, die von den anderen als Bedrohung erlebt werden. Zum Beispiel jemanden, der besser qualifiziert ist als sein Vorgesetzter. Am häufigsten geht Mobbing vom Chef aus. Dieser Machtmissbrauch nennt sich Bossing. Laut Kälin sind etwa gleich viele Frauen wie Männer davon betroffen.

Wird Mobbing vom Arbeitgeber gebilligt oder geduldet, verstösst dieser gegen das geltende schweizerische Arbeitsrecht. Mobbingfälle können entsprechend vor Gericht landen. Manchmal mussten Arbeitgeber schon zahlen, weil sie ihrer Fürsorgepflicht nicht nachgekommen waren. «Mobbing schadet in jedem Fall nicht nur dem Betroffenen, sondern auch dem Unternehmen», stellt Kälin fest. Zu diesem Schluss kommt auch eine etwas ältere Studie, wonach Bossing in der Schweiz jährlich Kosten in Milliardenhöhe verursacht. Mobbing beeinträchtige zudem den Ruf und die Glaubwürdigkeit einer Firma, ergänzt Kälin. Neben Arbeitsausfällen führt es zu Leistungs- und Produktivitätsnachlass, Produktionsfehlern, Erhöhung der Versicherungsprämien, schlechtem Betriebsklima, Zeit- und Mediationskosten für Konfliktklärung. Die Folge: Gute Mitarbeiter kündigen, und es wird schwerer, neue gute Mitarbeiter zu finden.

Es lohnt sich also aus der Sicht der Unternehmen, Mobbing zu vermeiden. Das Label Friendly Work Space dürfen Unternehmen tragen, die ein «respektvolles und wertschätzendes Arbeitsumfeld» bieten und sich «für ein ganzheitliches Wohlbefinden» der Mitarbeitenden engagieren. So die Kriterien der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, die von Kantonen und Versicherern getragen wird. Das Krienser Softwareunternehmen Opacc wurde 2013 zum ersten Mal mit dem Label ausgezeichnet und im letzten Sommer noch einmal zertifiziert. Seit vier Jahren gibt es bei Opacc eine Anlaufstelle für sexuelle Belästigung und Mobbing. Zwei Personen, ein Mann, eine Frau, bildete man dafür aus.

Bis heute hatten sie jedoch keinen einzigen Einsatz. Warum nicht? Am Anfang stehe die Firmenkultur, erklärt Regina Gripenberg, Bereichsleiterin interne Dienste bei Opacc. «Jeder Mitarbeiter gibt und erhält den Respekt, der für ein Zusammenarbeiten die Grundlage bildet.» Jeder wisse auch, wo sein Platz ist, welche Aufgaben und Kompetenzen er habe. Durch flache Hierarchien stelle man sicher, dass die Informationen, welche für die Ausführung der täglichen Aufgabe benötigt würden, immer vorhanden seien. Das Unternehmen fördert nicht nur die Führungskarriere, sondern auch die Fachkarriere. Somit entsteht untereinander kein Neid.

Einen weiteren Grund für die gute Atmosphäre sieht Gripenberg in den Teams. Es muss menschlich zusammenpassen. Bewerber sind einen Tag lang im Unternehmen und lernen die Kollegen kennen. Es gibt immer ein gemeinsames Mittagessen. Im Anschluss geben die bestehenden Teamkollegen dem Teamleiter ein Feedback zum Bewerber. Sieht man da schon grössere Probleme, wird dieser nicht eingestellt oder zumindest nicht in dem Team.


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