Lehrplan-Gegner geben keine Ruhe

SCHULE ⋅ Aller Kritik zum Trotz nimmt der erste gemeinsame Lehrplan der Deutschschweiz Hürde um Hürde. Auch im Aargau hat die Stimmbevölkerung gerade grünes Licht gegeben. Doch die Gegner denken nicht ans Aufgeben.
15. Februar 2017, 05:00

Maja Briner, Dominic Wirth

Dem Lehrplan 21 blies von ­Beginn weg ein rauher Wind entgegen. In mehreren Kantonen lancierten Bürger Initiativen, die sich gegen den ersten Deutschschweizer Lehrplan richteten. Doch an der Urne scheiterten die Gegner wiederholt – im Herbst etwa in den Kantonen Schaffhausen, St. Gallen und Thurgau. Am Sonntag erlitten sie auch im Aargau eine Schlappe: Das Stimmvolk lehnte eine Anti-Lehrplan-21-Initiative mit 70 Prozent Nein-Stimmen ab.

Elfy Roca vom Initiativkomitee sagt, ein Grund für das Scheitern der Initiative sei die «massive Behördenpropaganda». Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler wies diesen Vorwurf ­indes zurück. Er kann im Aargau nun die Einführung des Lehrplans 21 weiter vorantreiben. Dieser soll dafür sorgen, dass der Bildungsrucksack der Schülerinnen und Schüler überall in der Deutschschweiz ähnlich gefüllt wird. Der Lehrplan 21 ist ein Prestigeprojekt der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren. Deren Präsident, der Zuger Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP), ist erfreut über das deutliche Ergebnis aus dem Aargau. «Das spricht auch ein Stück weit für das Produkt», sagt er. Schleiss betont, beim Lehrplan 21 handle es sich nur um eine Vorlage, die Kantone könnten Anpassungen machen. «Es hat Platz für Unterschiede», sagt er.

Inzwischen haben alle Deutschschweizer Kantone ausser dem Aargau die Einführung des Lehrplans 21 beschlossen. «Die Einführung des Lehrplans 21 ist gut unterwegs», sagt Schleiss.

Als Nächste stimmen die Solothurner ab

Allerdings ist es keineswegs so, dass der Widerstand gegen den Lehrplan 21 nach der Abstimmung im Aargau verebben wird. Im Gegenteil: In vielen weiteren Deutschschweizer Kantonen sind Initiativen, die den Lehrplan 21 ins Visier nehmen, bereits eingereicht oder in Planung. Am weitetesten sind seine Gegner, die sich gerne als Retter der Volksschule darstellen, im Kanton ­Solothurn. Dort wird am 21. Mai über eine Initiative abgestimmt, mit der gezielt gewisse Elemente aus dem Lehrplan 21 verhindert werden sollen, etwa die Sammelfächer und die Kompetenzorientierung. «Wir wollen die bewährten Eckwerte der Volksschule im Gesetz verankern», sagt René Steiner vom Initiativkomitee. Der EVP-Kantonsrat, der auf diese Art die Einführung des Lehrplans 21 «unmöglich machen» will, rechnet sich gute Chancen auf ein Ja aus – trotz der heftigen Niederlagen, die es bisher in allen Kantonen gab. «Das Duell zwischen David und Goliath geht nicht immer so aus, wie Goliath sich das wünscht», sagt Steiner.

Auch andernorts wird der Lehrplan 21 schon bald die Stimm­bürger beschäftigen. Im Kanton Basel-Landschaft wurde eine Volksinitiative eingereicht, die wie jene in Solothurn einzelne Bestandteile des Lehrplans 21 bekämpft. In Bern, Luzern und Zürich sind derweil Initiativen hängig, die auf einer anderen, höheren Ebene ansetzen: Die Lehrpläne sollen dort künftig einem fakultativen Referendum unterliegen und vom Parlament genehmigt werden. Auch im Kanton Graubünden gab ein Komitee kürzlich bekannt, genug Unterschriften für die Einreichung einer Initiative gesammelt zu haben; im Kanton Zug will ein überparteiliches Komitee laut Website «nächstens» eine Initiative lancieren.

Gegner nehmen zweiten Anlauf

Damit nicht genug: Selbst in Kantonen, in denen Abstimmungen gegen den Lehrplan 21 schon einmal verloren gingen oder eine Initiative wie in Schwyz für ungültig erklärt wurde, geben die Gegner nicht auf. So etwa auch im Kanton St. Gallen. Und sogar im Aargau, wo die Niederlage noch so frisch ist, will das Initiativkomitee weitermachen. «Wir sorgen uns um die Schule, daran hat sich nichts geändert», sagt Elfy Roca. Das Initiativkomitee kündigte noch am Abstimmungssonntag an, es werde falls nötig weitere Initiativen lancieren.


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