Stanser Musiktage sind zurück in den schwarzen Zahlen

FESTIVAL ⋅ Ein regional gestärktes Programm der Vielfalt und das gute Wetter haben die Stanser Musiktage zurück in die schwarzen Zahlen gebracht. Am Sonntag sind sie zu Ende gegangen. Sie hatten verschiedene Höhepunkte.
15. April 2018, 22:07

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Samstag 23.30 Uhr: Im Zelt auf dem Dorfplatz Stans hopsen die Leute zum Mambo, im Länzgi-Zelt hat sich die Landstreichmusik mit ihrem letzten Stück ver­abschiedet. Während ergraute Besucher zu Dutzenden am Perron 1 auf den letzten Zug warten, hat das Nachtprogramm für die Jungen erst begonnen: Techno, House und DJs in verschiedenen Lokalitäten. Gestern gingen die Stanser Musiktage mit zwei Konzerten auf dem Stanserhorn und in Niederrickenbach zu Ende.

Das Festival stand auch dieses Jahr für Vielfalt punkto Stile und Dynamik, die vom innigen Solo im sakralen Raum bis zur Rockfuhr auf der Kollegibühne reichte. Urbane Popmusik brachte Hejira aus London – Songs mit knackigen Rhythmen und teils kühnen Stimmlagen, die ihr Potenzial nicht knallig verpufften, sondern eine gute Spannung aufbauten. Das Duo Maarja Nuut und Hendrik Kaljujärv aus Estland schuf in der Kapuzinerkirche mit Violine, Loops und Elektronik mystische Storys. Tempo und Struktur variierten kaum. Harmlose Musik zum Dahindämmern.

Emotional geladenes Doppelpack

Ebenfalls intim, aber viel zwingender war der Solo-Auftritt von Linda Vogel im Beinhaus. Sie spielte Harfe, deren Klangspektrum sie elektronisch erweiterte und mit Fusspedal steuerte, während sie mit dem andern Fuss eine Bassdrum bediente. Souverän und musikalisch interessant sang und spielte Vogel ihr Repertoire aus folkigem Jazz und modernem Singer-Songwriter-Pop.

Als Solistin trat erstmals auch Elina Duni auf. Die feinfühlige Sängerin mit albanischen Wurzeln präsentierte ihr neues Programm «Partir», in dem das Thema Abschied-Loslassen-Transformation in allen existenziellen Schattierungen ausgekostet wird. Duni sang innig neun Songs in neun verschiedenen Sprachen und verband die Songs mit poetischen Geschichten. Dass auch der zweite Teil des Doppelkonzerts mit dem lyrischen Jazz des Quartett 22° Halo um die Sängerin Marias Lea Fries die ruhige und intime Schiene weiterzog, war trotz vieler guter Momente für die Aufnahmefähigkeit fast etwas zu viel des Introspektiven.

Am Freitag führte die dichte Programmierung für Musikliebhaber zu einer unliebsamen Kollision: Dass zwei exklusive Premieren gleichzeitig stattfanden, war betrüblich. Im Chäslager performte das Jazz-Septett «Neues aus Kungusien» Kompositionen des eigenwilligen Avantgarde-Jazzers Urs Blöchlinger (1954–1995). Die ersten paar Tracks waren Big-Band-Kompositionen mit klangfarbigen Kanten, solistischen Einwürfen und Wechselspielen aus süffigen Themen und abstrahierten Verwinkelungen. Dann rauschten wir ab ins Theater an der Mürg, wo die Raumschiffe bereits gelandet waren.

Ein Happening der Lebensfreude

In schillernden Kostümen wuselten, hämmerten, groovten, hüpften und frohlockten The Intergalactics auf der Bühne, dass sich die Balken der Ehrfurcht bogen. Das Luzerner Rock-Duo Blind Butcher hatte unter dem Label «Kultur inklusiv» mit fünf psychisch beeinträchtigten Menschen der Institution Weidli in Stans ein Programm einstudiert. Es wurde ein Happening der Lebensfreude, wie es die Musiktage noch nie erlebt haben. Bühnenbild, Kostüme sowie einige Projektionen sorgten für ein bezaubernd-schräges Ambiente.

Der musikalisch gemeinsame Nenner war ein groovendes Amalgam aus Rock, Disco und Techno, gewürzt mit Keyboard-Zaubereien, Handorgel und dem grossartigen «Wolfenschiessen»-Rap von Weidli-Kosmonaut Daniel Murer. Das Spektakel griff bald auf das Publikum über, das mitjohlte, die Musiker mit Zurufen animierte und selber zunehmend aus dem Häuschen geriet. Ein solches Miteinander über soziale und psychische Grenzen hinweg scheint vorderhand nur die Musik zu schaffen. Vertrauen wir darauf, dass sich die intergalaktischen Brüder und Schwestern auch im normalen Alltag wieder zurechtfinden werden.

Ein weiteres Highlight setzten im Chäslager The Thing: ein skandinavisches Power-Trio, das seit 17 Jahren ein Jazzpublikum mit Energie füttert und ein Rockpublikum für Jazz begeistert. Marathon-Bläser Saxofonist Mats Gustafsson bewegte sich konstant auf extremem Energielevel. Auch Bassist Ingebrigt Håker Flaten und Schlagzeuger Paal Nilssen-Love arbeiteten auf dem gleichen Pegel und mit der gleichen Intention unerbittlich nach vorne und in die Tiefe. Die Tracks lebten von einer melodischen Rockenergie, die von Free-Jazz-Eruptionen durchschüttelt wurde.

Gutes Wetter brachte mehr Publikum

Nach dem letztjährigen Einbruch haben die Stanser Musiktage den Turnaround geschafft. «Unsere Anpassungen haben sich bewährt, sowohl bei den verkauften Tickets wie auch im Gastrobereich, der jetzt über uns läuft», kommentierte Co-Leiter Marc Rambold. Das gute Wetter sorgte auch dafür, dass die gegen 20000 Besucher mehr zirkulierten und sich besser auf die einzelnen Lokalitäten verteilten. Neun Konzerte waren ausverkauft. «Auch inhaltlich haben wir gute Rückmeldungen erhalten. Es gab viele schöne Momente. Und die Zusammenarbeit mit den 600 Helfern klappte ausgezeichnet.»

  • Sie standen während der Stanser Musiktage 2018 auf verschiedenen Bühnen im Rampenlicht: das Echo vom Schattenhalb und Natur pur beim Konzert auf der Länzgi-Bühne. (© André A. Niederberger)
  • Die angolanische Singer-Songwriterin Aline Frazão (© André A. Niederberger)
  • John Menoud von Lalibela Express (© André A. Niederberger)

Imrpessionen vom Festival in Stans.


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