Angela Rosengart: «Kunst kaufen ist etwas Persönliches»

SAMMLUNG ROSENGART ⋅ Vor 15 Jahren zog die Luzerner Sammlung Rosengart in das ehemalige Gebäude der Nationalbank. Direktorin Angela Rosengart über Sammelleidenschaft, Beharrlichkeit und die Zukunft ihres Museums.
19. März 2017, 07:46

Interview: Julia Stephan

Ein verregneter Freitagmorgen. Die Touristenkolonne vor der Kasse des Museums Sammlung Rosengart wird länger. Museumsdirektorin Angela Rosengart kommt aus dem Büro. «Lassen Sie uns das Gespräch bei den Bildern führen», schlägt sie vor. Wir nehmen vor den Picassos Platz.

Angela Rosengart, Sie sind 85 Jahre alt und noch immer Leiterin einer wichtigen Luzerner Kulturinstitution. Warum tun Sie sich das an?

Wenn man einen Beruf hat, der einen fasziniert, hört man nicht einfach damit auf. Mein Vater, der Kunsthändler Siegfried Rosengart, starb mit fast 92 Jahren und hat gearbeitet bis zu seinem Lebensende.

Ihr Privatmuseum wird 15 Jahre alt. Wie oft schauen Sie sich die 300 Bilder Ihrer Sammlung noch an?

Wenn ich im Haus bin, fast immer. Es ist mir ein Bedürfnis. Ich liebe diese Räume. Ich finde, die Bilder kommen hier so wunderbar zur Geltung.

Frage an die ehemalige Kunsthändlerin: Macht es für Sie einen Unterschied, ein Werk zu betrachten oder zu besitzen?

Wenn ich ein schönes Bild betrachte, kommt bei mir ganz natürlich dieser kindliche «Haben! Haben!»-Reflex. Auf meinen Museumsbesuchen ist mir zwar bewusst, dass ich diese Werke nie besitzen kann. Doch sobald nur der Funke der Möglichkeit besteht, eines zu kaufen, ist der Sammlertrieb in mir geweckt.

Bestimmt der auch andere Bereiche Ihres Lebens?

Ich sammle Steine – Mineralien und schöne Kristalle. Wenn ich wandern gehe und mir die Maserung, Form oder Farbe eines Steines gefällt, kann ich nicht widerstehen. Vor Jahren war ein Geologe bei mir zu Besuch. Er meinte: «In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viele Steine in einer Wohnung gesehen!»

Sie liefern mir das Stichwort! Sammeln kann auch zur Belastung werden. Manchmal tut es gut, Dinge loszulassen. Haben Sie das nie so empfunden?

Als ich die Bilder 1992 meiner Stiftung übergab, war mir das, solange die Bilder in meiner Privatwohnung hingen, relativ egal. Als ich sie dann für das Museum abhängen musste, war das schon bitter.

Sind Tränen geflossen?

Geweint habe ich nicht, aber Herzschmerz hatte ich schon.

Sie haben einmal gesagt, das Herz entscheide bei der Wahl eines Kunstwerks mit. Hat man als Kunstsammler eine Liebesbeziehung mit dem Bild?

Kunst kaufen ist tatsächlich etwas sehr Persönliches. Bei mir ging der Kaufentscheid nie über den Kopf, sondern immer über das Herz. Mein Vater und ich wählten für unsere Galerie nur Bilder, die uns gefielen. Wir liessen uns von keinem günstigen Preis verführen. Mein Vater sagte immer: «Wer verkauft, muss überzeugt sein von dem, was er anbietet.» Dann geht alles viel leichter, und man braucht gar nicht mehr so viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Sammeln Sie heute noch?

Ich könnte mir das gar nicht mehr leisten. Die Preise für Werke der klassischen Moderne in der Qualität meiner Sammlung sind ungeheuer gestiegen. Ich habe viel Geld in das Museumsgebäude investiert. Dafür ist mein Vermögen mehr oder weniger draufgegangen. Aber ich sage mir immer, dass ich mit dem Geld nichts Besseres hätte tun können. Dieses Haus ist für die Bilder wie gemacht!

Halten Sie die Gegenwartskunst für überschätzt?

Es ist sehr schwierig, ein Auge zu haben für das, was gerade geschaffen wird. Bei Picasso hatten mein Vater und ich uns allerdings nie getäuscht. Vor allem haben wir die Wichtigkeit seines Spätwerks erkannt, als der Rest der Welt noch anderer Meinung war. Erst 20 Jahre später war unsere Einschätzung allgemein akzeptiert.

 

Gibt es Gegenwartskünstler, von denen Sie denken, sie seien unterschätzt?

Ich habe Schwierigkeiten, das zu beurteilen. Wenn ich bei den jüngeren Künstlern etwas sehe, das mich anspricht, bin ich sehr misstrauisch gegenüber mir selbst. Ich frage mich dann: Erinnert mich das bloss an etwas, was ich vor Jahrzehnten mal gesehen habe, oder ist das wirklich etwas Neues?

Heisst das, Sie denken, dass man mit fortschreitendem Alter den Riecher für Innovatives verliert?

Ja. Der wichtigste Picasso-Kunsthändler, Daniel-Henry Kahnweiler, hatte Picasso bereits 1907 unterstützt. Im Alter jedoch verlor er diesen Blick. So geht es vielen.

Sie kamen 1948, mit 16 Jahren, in der Luzerner Galerie Ihres Vaters in die Lehre und waren bis zu dessen Tod seine Geschäftspartnerin. Nie den Wunsch gehabt, mal auszubrechen?

Mein Vater hatte einen Beinbruch und brauchte dringend Hilfe. Es waren andere Zeiten. Einem Vater hat man damals nicht widersprochen. Im Geschäft war er sehr streng zu mir, liess mir nichts durchgehen. Manchmal kam ich heulend nach Hause, und meine Mutter sagte zu ihm: «Du kannst mit dem Kind doch nicht so streng sein.»

Was hätten Sie denn vorgehabt, wenn das gebrochene Bein Ihres Vaters Ihren Zukunftsplänen nicht im Weg gestanden wäre?

Ich hätte gerne Archäologie studiert. Ich war fasziniert von Geschichte, von Griechenland, von Mesopotamien. Fürs Studieren war es dann irgendwann zu spät. Mein Vater hat mir aber alle Bücher gekauft, die ich haben wollte. Die habe ich dann verschlungen, und ich habe dabei vielleicht genauso viel gelernt wie an der Universität.

Wann haben Sie sich mit Ihrem Galeristenberuf ausgesöhnt?

1948, im ersten Sommer in der Galerie, organisierten wir eine Paul-Klee-Ausstellung. Ich musste meinem Vater helfen, Bilder zu registrieren und zu vermessen, und ihm beim Einrahmen assistieren. Plötzlich merkte ich, was für ein toller Beruf das ist. Dass man mit den Kunstwerken so verbunden ist, sie in den Hände halten darf! Es folgte der erste Besuch bei Picasso im April 1949, ich begegnete den vielen Sammlern. Plötzlich stand ich in Kontakt mit lauter interessanten Leuten. Da wollte ich gar nichts anderes mehr machen.

Museumsbesucher begegnen Kunstwerken mit viel Ehrfurcht. Wie war das bei den Künstlern selbst? Hat ein Picasso seine Werke auch mal als Tischunterlage verwendet?

Picasso liebte es, seine kleinformatigen Bilder der Reihe nach an der Wand aufzustellen, um dann nochmals weitere Reihen draufzuschichten. Er wollte, dass man seine Bilder im Gesamtarrangement betrachten konnte. Bei unseren Atelierbesuchen dachten wir jeweils «um Gottes willen!». Wie hat uns das Herz gepocht! Stellen Sie sich vor, wenn die Bilder wie ein Kartenhaus umgekippt wären! Es ist aber zum Glück nie passiert, auch das hat er perfekt gemacht.

Picasso hat Sie gleich fünfmal porträtiert. Wie war er als Mensch?

Er hatte so ein aufgestelltes, spontanes Wesen. Ich war fasziniert von seiner grenzenlosen Neugierde. Ich glaube, das hat ihn bis ins hohe Alter von 91 Jahren so jung gehalten. Er war neugierig auf Menschen, auf Vorgänge, auf die Kunst. Jedes Mal, wenn wir bei ihm auftauchten, sagte er zu uns: «Erzählen Sie etwas!»

Journalisten wird oft nachgesagt, sie seien verhinderte Schriftsteller. Wie ist das bei Kunstsammlern? Haben Sie auch gemalt?

Nein! (lacht). In der Schule natürlich schon. Aber das können andere definitiv besser. Mein Vater hat ganz hübsch gezeichnet, aber auch nur, wenn er etwas festhalten wollte. Wenn man von solchen Meisterwerken umgeben ist wie ich, wird man schnell entmutigt.

Vor einigen Jahren sagten Sie, Sie seien eine begeisterte Theatergängerin. Nehmen Sie am kulturellen Leben Luzerns noch teil?

Nicht mehr. Ich verstehe nicht, warum man Klassiker heute so verbiegen muss. Bei Shakespeare-Stücken zum Beispiel kann man das beobachten. Das, was auf der Bühne gemacht wird, stimmt mit der Sprache dieser Werke überhaupt nicht mehr überein. Mich stösst das ab.

Ketzerisch gefragt: Haben die von Ihnen gesammelten Künstler der klassischen Moderne nicht ebenso oft auf ältere Vorbilder zurückgegriffen und diese dann, für viele ihrer Zeitgenossen, «verunstaltet»?

Picasso hat in der Tat viele Variationen über alte Meister gemacht. Das ist aber was anderes! Auch Strawinsky hat den Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736) bearbeitet. Er hat die Töne nicht verändert, und trotzdem klingt es nach Strawinsky. Für mich bleibt ein Shakespeare immer aktuell, auch wenn man den Text im Original belässt. Das muss man doch nicht noch extra betonen! Ich habe mir das Theaterschauen deshalb abgewöhnt.

Sie wurden über Ihr kunstaffines Familienhaus an die Kunst herangeführt. Nicht alle haben dieses Glück. Ist Ihnen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Ihrem Museum deshalb so wichtig?

Oh ja! Zu meiner Zeit gab es so etwas nicht. Kunst hat nicht existiert. Ich finde das so wichtig. Im frühen Alter kann man die Augen noch öffnen. Meine Kuratorin, Martina Kral, die Kinder gut begeistern kann, sagt manchmal zu mir: «Die Kleinen sehen Sachen, die habe ich noch nie gesehen!»

Wie wichtig ist Beharrlichkeit im Leben eines Kunstsammlers?

Sehr wichtig. An einem Bild waren wir fünf Jahre dran. Ein Geschwisterpaar aus Mannheim hatte von den Eltern einen frühen Picasso geerbt. Mein Vater und ich hätten dieses Bild zu gerne gehabt. Wir haben unser Interesse immer wieder angemeldet. Bis man nach fünf Jahren einwilligte. Das Bild ist heute nicht Teil der Sammlung. Wir haben es zu dem damals ungeheuren Preis von 100 000 Franken verkauft – heute wären das 100 Millionen! Mein Vater wollte es behalten, meine Mutter und ich waren für den Verkauf. Das verzeihe ich mir nie! (lacht)

Wie eng war die Beziehung zu Ihrem Vater?

Es war schon eine starke Beziehung. Ich habe mein ganzes Leben mit ihm zusammengearbeitet. Wir hatten den gleichen Geschmack und kaum je Meinungsverschiedenheiten. Aber man darf nicht vergessen, dass ich 16 war, als ich bei ihm einstieg. Er hat mich und meinen Geschmack schon sehr geformt.

War Ihre Mutter auch an Kunst interessiert?

Sie hat Kunst geliebt, aber nicht den kommerziellen Umgang mit Kunst. Sie wollte mit dem Handel nichts zu tun haben. Kunst zu verkaufen, war ihr regelrecht peinlich.

Ganz Unrecht hatte Ihre Mutter nicht. So richtig gesund ist diese Mischung ja selten.

Auch Kunsthändler können Kunst lieben. Aber klar, es gibt auch die anderen. Für die ist Öl das Zeug, das man in einen Autotank schüttet.

Weg von Luzern wollten Sie nie?

Nein. Meine Eltern und ich haben die Stadt sehr geliebt. Die Lage ist toll und das kulturelle Angebot für so eine kleine Stadt sehr gross. Die Kehrseite davon ist natürlich: Wenn das Wetter schön ist, ist die Konkurrenz – der See! – zu gross. Dann bleibt das Museum oft fast leer.

Sie mögen keine Veränderung. Was darf man am Luzerner Stadtbild aus Ihrer Sicht keinesfalls verändern?

Ich war vehement gegen den Bau dieser Salle Modulable. Ich fand die Idee, dieses hübsche Theatergebäude einfach abzureissen und womöglich neben die schöne Jesuitenkirche einen modernen Bau zu stellen, fürchterlich. Von mir aus könnte man das Theater abreissen, aber nur, wenn man es im gleichen Stil wieder aufbaut. Dann darf es meinetwegen auch eine Nummer grösser sein.

Welche Aufgaben nehmen Sie als Museumsleiterin sonst noch wahr?

Ich erhalte aus aller Welt Anfragen für Fälschungsgutachten. Kürzlich bat mich ein Russe um die Einschätzung einer Zeichnung. Sie war angeblich von Picasso mit exakt derselben Darstellung, die sich auch in meiner Sammlung befindet, jedoch als Gemälde und mit einer viel früheren Datierung. Dem konnte ich zurückschreiben: Da ist sicher was faul dran! Wobei, solch klare Fälle kommen eher selten vor.

Ihr Museum wird 15 Jahre alt, Sie sind 85. Wie soll Ihr Museum im Jahr 2080 aussehen?

Ich hoffe sehr, dass alles so bleibt, wie es ist. Wie beim Louvre, der auch nicht verändert wird. Eine Umhängung der Bilder bleibt meiner Sammlung hoffentlich erspart. Neulich war ich in der alten Tate Gallery in London, wollte mein Lieblingsporträt aus dem 16. Jahrhundert besuchen. Der Sammlungskurator begleitete mich zum angestammten Platz. Und was sah ich? Da hing mein Lieblingsporträt neben einem Porträt des 2011 verstorbenen Malers Lucian Freud. Der Sammlungskurator wollte wissen, wie mir diese Gegenüberstellung gefalle. Ich fand’s grässlich und wusste nicht, wie ich ihm das diplomatisch sagen sollte. Er hat mein Zögern bemerkt und meinte nach einer Weile des Schweigens: «Mir gefällt’s auch nicht.»


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