Facettenreich wie nie: der Schweizer Film

«RECYCLING LILY» STARTET DIESEN DONNERSTAG IN DER ZENTRALSCHWEIZ ⋅ Bis Weihnachten ist fast wöchentlich mit einem Schweizer Kinofilm zu rechnen. Neben neuen Genres wird auch stilistisch einiges ausprobiert. Boomt der Schweizer Film?
20. November 2013, 05:00

Schweizer Filme scheinen im Kino präsent zu sein wie selten je: Morgen startet die originelle Komödie «Recycling Lily» des jungen Regisseurs Pierre Monnard mit Bruno Cathomas und Johanna Bantzer in den Hauptrollen, vor vierzehn Tagen feierte Thomas Imbachs Historiendrama «Mary, Queen Of Scots» Premiere, und in der Woche darauf gelangte «Watermarks» (Besprechung Seite 5), Luc Schaedlers exzellenter Dokumentarfilm über China, in verschiedene Kinos der Deutschschweiz. In diesem Rhythmus soll es auch weitergehen: Bis Weihnachten ist fast jede Woche mit einer neuen Schweizer Produktion zu rechnen. Haben wir es mit einem regelrechten Boom zu tun?

Die Antwort lautet: ja und nein. Ja, weil die Zahl der aufgeführten Schweizer Produktionen (Spiel- und Dokumentarfilme) über die letzten Jahre hinweg gewachsen ist. Nein, wenn man berücksichtigt, dass sich der Marktanteil des Schweizer Films – das heisst sein Anteil an den Eintritten – seit vielen Jahren kaum verändert hat. Diese Tatsache unterstützt natürlich die verbreitete Meinung, dass sich heute im Kino sowieso schon zu viele neue Filme (pro Jahr rund 400) gegenseitig das Wasser abgraben.

Vielfältigeres Angebot

Eines ist gewiss: Seit 2004 hat die Zahl der neuen Schweizer Filme, die jedes Jahr im Kino anlaufen, gemäss den Angaben des Bundesamts für Statistik (www.bfs.admin.ch) zugenommen, und zwar von 41 auf 63 im Jahr 2012. Die Zahl sämtlicher Erstaufführungen ist seit 1995 (rund 300) ebenfalls kontinuierlich gestiegen und bewegt sich seit 2004 um die 400 herum (414 im Jahr 2012). Die Schweiz hat bei dieser Betrachtung der Entwicklung ihren Anteil an der gezeigten Produktion auf über 15 Prozent steigern können.

Vor allem im Bereich des Spielfilms hat das offenbar auch zu einem vielfältigeren Angebot geführt. Ivo Kummer umschrieb das kurz nach seinem Antritt als neuer Leiter der Sektion Film im Bundesamt für Kultur (BAK) mit folgenden Worten: «Ich frage mich, ob die Periode der Autorenfilme nicht zu Ende ist. Damals ging man ins Kino, um den neuen Tanner oder den neuen Godard zu sehen, heute reizen das Publikum mehr die Handlung eines Films oder dessen Schauspielerinnen und Schauspieler.» (www.swissinfo.ch)

Schweizer Spielfilme probieren heute neue stilistische Formen aus (auch der visuell experimentelle Streifen «Recycling Lily»); sie wagen sich neben der Komödie oder dem Drama («Am Hang») auch an unvertraute Genres wie den Horror- oder den Science-Fiction-Film («Sennentuntschi», «Cargo»). Und nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Regisseure gewichten heute wieder stärker die Leistungen der Darstellerinnen und Darsteller. Der Abschied von der «Thesenhaftigkeit» des Autorenfilms zahlt sich zudem an der Kinokasse aus: Von den zehn erfolgreichsten Schweizer Filmen (statistische Erfassung seit 1976) sind allein sechs zwischen 2002 und 2011 entstanden.

Stagnierender Marktanteil

Trotz der Beliebtheit einzelner Filme hat die einheimische Produktion ihren Marktanteil in den letzten Jahren kaum verbessern können. Unter diesem Gesichtspunkt sieht die Statistik für das Jahr 2012 wie folgt aus: Die Schweiz stellte 63 von 414 Erstaufführungen (15,2%), ihr Anteil bei den insgesamt rund 15 Millionen Eintritten lag dagegen bei 4,8%. Den Löwenanteil von 58,2% erhielten, wenig überraschend, die USA (112 Filme), und 34% der Einnahmen gingen an Produktionen aus Ländern der EU (193 Filme). Anzufügen ist, dass sich die jährlichen Eintritte zwischen 1995 und 2012 kaum verändert haben. Der Marktanteil der Schweiz bewegte sich in diesem Zeitraum meistens zwischen 1,5 und 5 Prozent.

Zu viele Schweizer Filme?

Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum Schweizer Erstaufführungen in den letzten Jahren zugenommen haben: Die Filmförderung sowie die verbesserten Ausbildungsmöglichkeiten (im In- und Ausland) haben sicher ihren Anteil daran. Vielleicht noch wichtiger ist aber eine «stille Revolution», die innerhalb weniger Jahre ziemlich alles verändert hat: die Digitalisierung der Filmproduktion und der Filmprojektion. Regisseure können heute leichter und kostengünstiger als früher Filme drehen, die im Prinzip mit weniger Aufwand als früher vorgeführt werden können. Auch hier liefert das Bundesamt für Statistik eindrückliche Zahlen: 2001 gab es noch keinen Digitalprojektor in der Schweiz; 2006 waren sechs Kinosäle damit ausgerüstet, und 2012 verfügten 493 der insgesamt 536 Säle über Digitalprojektoren.

Die Zahl neuer Schweizer Filme dürfte in absehbarer Zeit kaum abnehmen, die Konkurrenz wegen der stagnierenden Eintritte daher gross bleiben. Einige dieser Produktionen sähe man zudem am Fernsehen besser aufgehoben als im Kino. Verurteilen möchte man diese «Flut» von Filmen trotzdem nicht, bietet sie doch dem Publikum, das heute nicht mehr so häufig ins Kino geht wie noch 1980 (20 Millionen Eintritte) oder gar 1960 (40 Millionen Eintritte bei rund 600 Erstaufführungen!), auch ein breites Angebot.

Peter Mosberger

Filmkritik «Recycling Lily»: Weniger «Dräck»

 

Ganz ein korrekter ist er, der untersetzte Mittvierziger Hansjörg Stähli (Bruno Cathomen). Zuhause unter der Fuchtel der Mama stehend, schaut er als Müllinspektor umso penibler darauf, dass niemand in der Stadt seine pinken Abfallsäcke zu früh oder zu spät auf die Strasse stellt.

Pastellfarbene Welt

In diesen Tagen hat Hansjörg einen besonders abartigen Fall zu lösen. Eine unbekannte Person versetzt mit wilder Müllentsorgerei die Stadt seit Monaten in Angst und Schrecken. Der Ermittler erhöht den Observationsaufwand, und reüssiert; als Täterin kann er den Wildfang Emma (Luna Dutli) stellen. Ausgerechnet die Tochter der heimlich angebeteten Lily (Johanna Bantzer). Hansjörg befindet sich in der Zwickmühle – und hört für einmal auf sein Herz.

Lollipop-Augen – die bekommt man von dem 50er-Jahre-Pastellfarbenanstrich, mit dem Filmemacher Pierre Monnard «Recycling Lily» überzogen hat. Die grelle Optik korreliert dabei mit all den kleinen Verrücktheiten, die sich im bigotten Heidiland so abspielen. Zeitlupen und holländische Kameraperspektiven sind Monnards visuelle Waffen der Wahl, um die Schweizer Klischees der Pedanterie und der Reinlichkeit genüsslich zu übersteigern.

Mittendrin in diesem Spannungsfeld von Kaffeerahmdeckeli, Stocki und «Schnurregige» gibt Bruno Cathomas quasi eine Reprise seiner Rolle aus «Happy New Year». Hier verfügt er jedoch über weitaus mehr Raum, um in schauspielerischer Stärke den Schwachen zu mimen.

Es bedürfe einer Lupe, einen Klecks in diesem pink-papierten Reinheft von Komödie zu finden. Der Story zu folgen ist zwar wahrlich keine Kunst. Monnards Präsentation dieser zuckerigen Welt allerdings schon. Und das Schweizer Publikum mit einem Schweizer Film durchwegs zum Lachen zu bringen, eben auch.

Urs Arnold

HHHHI

CINEBOXX, Einsiedeln; Cinema 8, Schöftland; CINEPOL, Sins, ab nächste Woche auch in Luzern

 

Anzeige: